Bielefeld stellt textile Kunst vom „Bauhaus bis heute“ aus

Erstmalig ausgestellt: Eine Maschinenstickerei von Marianne Meyer-Weißgerber, um 1972, aus Seide auf schillerndem Organza-Gewebe. Zu sehen in Bielefeld. - Fotos: Katalog/Freitag/Hicks/Dorén

Von Achim Lettmann BIELEFELD - Die Spur der Nadel hinterlässt eine Naht in der Maschinenstickerei von Marianne Meyer-Weißgerber. In ihrem Textilbild von 1972 legt sie mehrere solcher Spuren, führt also Fadenlinien aus. Diese Linien wirken wie Gespinste und Formerkundungen, an anderer Stelle erscheinen sie konstruktiv. In der Kunsthalle Bielefeld ist das Kunstwerk zum ersten Mal öffentlich zu sehen. Als autonomes Bild, das auch mit diesem Anspruch präsentiert wird. Das ist das Konzept der Ausstellung „To Open Eyes. Kunst und Textil vom Bauhaus bis heute“.

Die Schau ist eine Entdeckungsreise in die Geschichte einer Kunstform, die hochaktuell geworden ist. Museen nehmen textile Kunst wahr. Nach Mönchengladbachs Museum Abteiberg („Textiles: Open Letters. Abstraktionen, Textilien, Kunst“) zeigt derzeit das Kunstmuseum Wolfsburg „Kunst & Textil: Stoff als Material und Idee in der Moderne von Klimt bis heute“. Ab Sonntag ist in der Bielefelder Kunsthalle auch eine Schau zu sehen, die nach Josef Albers’ programmatischem Ausspruch („To Open Eyes“) Kunst mit textilen Stoffen erlebbar machen will.

Museumsdirektor Friedrich Meschede sagte, dass er gleich drei Folgeausstellungen machen könnte, so reichhaltig sei das Thema. Warum die Museen textile Kunst als Trend setzen, weiß Meschede auch. Vor drei Jahren stellte der Kurator Seth Siegelaub seine Stoffsammlung in London aus. Seitdem, so Meschede, war der US-Amerikaner weltweit auf Vortragsreise. Siegelaub stellte bereits 1964 orientalische Teppiche aus. Außerdem verhalf er der Konzeptkunst zum Durchbruch.

In Bielefeld empfängt einen der großflächige Siebdruck „Yarn Painting“ (1983) von Andy Warhol. Der Popart-Künstler plante einen Werbe-Kontrakt mit einer Mailänder Firma. Es wurde nichts daraus, aber geblieben sind die Siebdrucke, die wie Nähspuren aussehen und ein wenig mit der Linienführung von Meyer-Weißgerber korrespondieren. Meyer-Weißgerber, geboren in Hagen (1910-91), war Dozentin an der Hochschule für bildende Künste in Berlin (1953-76). Sie hatte eine Modestickerei und setzte sich für die Anerkennung der Textilarbeit als Kunst ein. Ihre vielfarbigen Applikationen aus Stoffstücken (um 1975) sind keinem Gebrauchswert zugeordnet, anders als noch die Arbeiten der Weberinnen am Bauhaus. Benita Koch-Otte unternahm 1922 mit Gunta Stölzl in der Werkstatt in Weimar auf zwei alten Webstühlen erste Selbstversuche mit Stoff. Koch-Otte bildete sich damals in Ferienkursen an der Webereifachschule in Krefeld weiter. Von ihr ist in Bielefeld ein Wandbehang (1923/24) mit abstrahierenden Formen zu sehen. Von Gunta Stölzl, die ab 1925 die Textilwerkstatt in Dessau leitete, wird ein farbbrillanter Wandbehang in Jacquard-Technik ausgestellt. Arbeiten von Anni Albers und Gertrud Arndt sind ebenfalls zu sehen. Benita Koch-Otte arbeitete ab 1936 in den Werkstätten in Bethel, nachdem sie ihren Mann, den Fotografen Heinrich Koch verloren hatte, und von Avantgarde in Deutschland keiner Rede mehr war. Von ihr sind Dekorations- und Vorhangstoffe, ein Knüpfteppich (1929) und Aquarellstudien zu sehen. Bis 1963 wirkte sie auch mit pädagogischer Überzeugung in den Bodelschwinghschen Stiftungen. Ihre Biografie ist ein wichtiger Impuls. Die Kunsthalle steht mit „To Open Eyes“ zu Bielefeld als Leineweberstadt. Dieser textile Industriezweig hat der Stadt vor allem im 19. Jahrhundert Geld und Profil gegeben.

Als kleine Raritäten werden Stoffmuster der Wiener Werkstätten (1910-32) ausgestellt, die den Stilhistorismus beenden wollten. Der große Architekt Josef Hoffmann war Mitbegründer und früher Stildesigner. Sonja Delaunay hat als namhafte moderne Künstlerin auch Stoffe entworfen. Sie arbeitete für das Unternehmen Metz und Co. in Amsterdam. Von ihr sind florale Stoffentwürfe (1934-36) ausgestellt wie rechteckige Farbfeld-Rhythmen (1924).

Ganz den Stoffen hat sich Sheila Hicks verschrieben. Sie lebt in Paris und baut ihre Webrahmen selbst. Ihr Arbeit „Chimera“ (2013) nimmt sogar Muscheln in das Gewebe aus Baumwolle auf. Die Ausstellung zeigt ferner ein Textilobjekt von Richard Tuttle (1967), Blinky Palermos „Stoffbild Grün“ (1970), das zur eigenen Sammlung des Hauses zählt, Sigmar Polkes „Bohnen“ (1965) und natürlich Rosemarie Trockel. Ihre monochrome Arbeit „Belle Epoque“ (2011, Wolle) strahlt herrlich gelb. Leider bleibt es bei den optischen Reizen, denn berühren darf man die Stoffkunst nicht.

To Open Eyes. Kunst und Textil vom Bauhaus bis heute in der Bielefelder Kunsthalle.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 16. Februar 2014. di-so 11 bis 18 Uhr, mi bis 21 Uhr, sa 10 bis 18 Uhr; Katalog 29 Euro;

Tel. 0521/32999500

www.kunsthalle-bielefeld

Quelle: wa.de

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