Bettina Lieder verkörpert in Dortmund „Kassandra“

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Große Vortragskunst: Bettina Lieder als „Kassandra“ am Theater Dortmund.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Eine Viertelstunde lang steht Bettina Lieder mit dem Rücken zum Publikum im Studio des Theaters Dortmund. Das Gesicht dieser Kassandra sieht der Zuschauer nur in der Spiegelwand. Die Seherin nimmt keinen Kontakt auf. Ihre Erzählung hat keine Zuhörer – außer ihr selbst. Und das passt ja zu dem Fluch, mit dem der Gott Apollo sein Geschenk an sie belegt hat: Sie besitzt die Sehergabe. Aber niemand hört auf sie, niemand glaubt ihr.

Die Regisseurin Lena Biresch hat Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“ auf die Bühne gebracht. Der Text, 1983 veröffentlicht, zeigt verschlüsselt Troia als autoritäres Staatssystem, ein Spiegelbild der DDR. Biresch arbeitet die überzeitliche Gültigkeit heraus. Längst werben heute CDU-Minister für die Vorratsdatenspeicherung mit Parolen wie: „Wer nichts zu verbergen hat, braucht das Auge des Königs nicht zu scheuen.“ Man denkt da eher an die NSA als die Stasi. Auch Kassandras Beobachtung klingt unangenehm aktuell: „Wann ein Krieg beginnt, das kann man sagen. Aber wann beginnt der Vorkrieg?“

Dieser Monolog ist unbequem, aber das soll er ja auch, als Warntext. Wolf wählt einen hohen Ton, pathetisch und kunstvoll, angelehnt an die antike Tragödie. Die Dortmunder Inszenierung setzt sehr auf das Wort. Bettina Lieder steht in der ersten Viertelstunde fast reglos und rezitiert mit bewundernswerter Klarheit die Prosa. Dann erst wendet sie sich zum Publikum. Ihr Spiel bleibt freilich extrem reduziert. Sie bewegt sich wenig, trägt die Erzählung vom Trojanischen Krieg aus Frauensicht vor. Jene Umwertung, in der es keine Helden gibt, in der Achill stets mit dem Beiwort „das Vieh“ belegt wird. Getrieben von einem sinnleeren Ehrbegriff, von Gier und Risikofreude, schlagen die Troer alle Möglichkeiten einer nichtkriegerischen Konfliktlösung aus. Eumelos, der Chef der Palastwache, klingt uns heute aus der Erzählung eher als beinharter Nationalist und Ideologe entgegen.

Bettina Lieder schließt dem Hörer die enorme Textmenge auf. Bei ihrer reduzierten Gestik fallen Akzente umso mehr auf, die sie dann doch setzt. Wenn sie auf einmal einen Zuschauer ironisch anlächelt, auf ihn mit dem Finger deutet. Wenn sie hämisch den Eumelos imitiert und für einen Moment den hohen Ton verlässt, um banal „Nanananana“ zu sagen. Wenn sie über Hektor spricht, ihren Bruder, der vom Strippenzieher als Held ausgeguckt wurde, und sie hebt die Hand auf Schulterhöhe, blickt auf ihren kleinen Bruder und fragt ungläubig: „Hektor?“ Der Kleine soll ein Held sein?

Und am Ende dann steigert sie den Gefühlsdruck. Da unterstreicht sie Verzweiflung, indem sie sich auf die Brust schlägt. Da spannt sich die Stimme in der Erzählung von Inhaftierung und, noch später, Vergewaltigung.

Dass der Krieg keine Helden schafft, sondern Lügen und Leiden, das macht dieser intensive Abend deutlich. Die Anstrengung forderte in der Premiere von der Darstellerin ihren Tribut. Sie brach zusammen, konnte aber nach einer kurzen Pause weiter spielen. Großer Beifall.

9., 25.4., 23.5.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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