Besuch beim Christkind: Bildband über Dresdens Romantiker

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Julius Schnorr von Carolsfelds Gemälde „Die Familie Johannes des Täufers bei der Familie Christi“. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DRESDEN–So sieht man die Geburt Christi selten ausgemalt. Der romantische Maler Julius Schnorr von Carolsfeld zeigt uns keinen baufälligen Stall, sondern ein schlichtes, aber schmuckes Holzhaus mit Vorgarten, in dem die Rosen blühen. Das Jesuskind liegt auf einem Kissen, nicht auf Stroh. Maria hat sich in ein frommes Buch versenkt, legt gerade eine Lesepause ein. Und Joseph begrüßt herzlich die Besucher: Zacharias und Elisabeth mit ihrem Kind, Johannes, der später als Täufer auf Christus vorausweisen wird. Hier fehlt auch die Anbetung der Könige und Hirten. Maria und das Kind bleiben für sich, die Besucher nehmen sie kaum zur Kenntnis.

Diese Szene „Die Familie Johannes des Täufers bei der Familie Christi“ findet man nicht in der Bibel. Sicher, der Evangelist Lukas nennt Elisabeth eine Freundin Mariens, und als beide schwanger sind, begegnen sie sich. Aber die bürgerliche Verbundenheit, die Schnorr schildert, gehört in den Bereich der Legende.

Schon die alten Meister liebten es, die biblische Überlieferung auszuschmücken. Es gibt Darstellungen, auf denen Jesus und der sechs Monate ältere Täufer als Knaben miteinander spielen. Coreggio setzte auf einem Gemälde von 1515 Elisabeth mit Johannes in eine Geburtsszene. Leonardo da Vinci zeigt in seiner „Felsgrottenmadonna“ den Johannesknaben. Im Johannesevangelium sagt der Täufer über Jesus gleich zwei Mal: „Ich kannte ihn nicht.“

Die Gemälde zielen auf eien höhere Wahrheit ab. Die Künstler wollen kein historisches Ereignis darstellen, sondern sozusagen eine himmlische Spiegelung. Schnorr schrieb in einem Brief an seinen Vater von einem „Besuch im Geiste“, den er bei den Heiligen gehabt habe. Er rückt in seinem Gemälde das heilige Geschehen an die Lebenswelt eines neuen, bürgerlichen Publikums. Das Wunder ist durchaus gegenwärtig. Schnorr zeigt Maria in tiefer spiritueller Versenkung. Sie scheint die Besucher nicht wahrzunehmen in ihrem Rosenhag – auch das zitiert ein Madonnenmotiv mittelalterlicher Malerei. Und das Kind erscheint bei genauer Betrachtung erst recht wunderbar. Es liegt nicht auf seiner Decke, sondern schwebt befreit von aller Erdenlast.

Julius Schnorr von Carolsfeld (1794–1872) gehörte zu den Nazarenern, die die Erneuerung einer religiös unterfütterten Kunst anstrebten. In seinem Dresdner Gemälde schuf er eine eindringliche Szene, die alte Vorbilder aufgreift und variiert, um ein neues Publikum anzusprechen.

Wir entnehmen das 1817 entstandene Werk einem neuen Katalog, in dem Gerd Spitzer die romantischen Glanzstücke der Galerie Neuer Meister vorstellt. Die sächsische Metropole war ein Zentrum der Romantik, hier wirkten zahlreiche Maler, allen voran Caspar David Friedrich, von dem die Galerie Hauptwerke besitzt wie „Das Kreuz im Gebirge“ (1807/08), „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ (1819/20) und „Das große Gehege bei Dresden“ (1832).

Aber auch andere Hauptvertreter der Romantik sind mit wichtigen Werken in der Galerie präsent, zum Beispiel Carl Gustav Carus mit seiner „Brandung bei Rügen“ (1819) und Ludwig Richter mit der „Überfahrt am Schreckenstein“ (1837) und dem „Brautzug im Frühling“ (1847).

50 Werke stellt der opulente Bildband in großen Farbtafeln vor, jedes Werk wird ausführlich kommentiert von Gerd Spitzer, dem langjährigen Oberkonservator des Museums. Er schrieb auch einen einleitenden Aufsatz über die „Romantik in Dresden“, in dem er das Verhältnis der Künstler zur Stadt und die Sammlungsgeschichte aufbereitet. In einem Essay arbeitet der Direktor der Galerie Neuer Meister, Ulrich Bischoff, die Nachwirkung der Künstler in die Gegenwart auf.

Der Prachtband soll natürlich in erster Linie Lust auf einen Museums-Besuch machen. Aber auch wenn man nur blättert, macht man Entdeckungen. Wie unromantisch direkt zeigt August Heinrich Natur „Am Waldesrand“ (1819/20). Wie kunstvoll inszeniert Karl Gottlieb Traugott Faber den Fensterblick auf Dresden (1824). Eine Augenweide!

Gerd Spitzer: Meisterwerke der Romantik in der Galerie Neue Meister Dresden. Verlag Schirmer/Mosel, München. 160 S., 50 Farbtafeln, 58 Euro, http://www.skd.museum/de/museen-institutionen/albertinum/

Quelle: wa.de

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