„Der Besuch der alten Dame“ in Essen

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Trostloses Güllen: Szene aus „Der Besuch der alten Dame“ in Essen mit Silvia Weiskopf (links) und Ines Krug.

ESSEN - Güllen sieht aus wie das Untergeschoss im Hauptbahnhof, eine an den Bahnsteig angeflanschte Einkaufsmall. Nur dass im Grillo-Theater Essen die Läden dicht sind, Altpapier und Müll die Szene füllen und in dem Elend einige Obdachlose liegen. Im Eröffnungsbild von Thomas Krupas Inszenierung darf sich das Publikum wiederfinden.

Zum Jubiläum der Theatergründung vor 125 Jahren gibt es auf der Grillo-Bühne die Wunschproduktion. Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ wählten sich die Zuschauer. Wohlfühltheater sollte die „tragische Komödie“ über die Korrumpierbarkeit der Moral nicht sein. Die Titelheldin, einst verführt, geschwängert und allein gelassen, fordert nach 35 Jahren Gerechtigkeit von der Stadt. Die Güllener sollen ihren Mitbürger Alfred Ill töten, dann gibt‘s eine Milliarde. Man verrät nicht zuviel, wenn man mitteilt, dass Bürgermeister, Lehrer, Arzt auch am Grillo-Theater die Humanität dem Wohlstand opfern werden.

Es ist gerade das Problem dieser Inszenierung, dass dem Regisseur im Detail durchaus einiges einfiel. Aber eine Linie findet er nicht. Warum sind in Essen 35 Jahre seit Kläres Schändung verstrichen statt, wie im Text, 45? Soll es die Maskenbildnerin bei Hauptdarstellerin Ines Krug leichter haben? Einmal führt sie mit ihrer Dienerin Roby (Silvia Weiskopf) elegante Tai-Chi-Übungen im Lotussitz aus, während der Lehrer um Gnade für Ill bettelt. Man könnte meinen, dass sie gar nicht hinhört. Weltenthoben, abgeklärt – passt das zu einer Frau, die über Jahrzehnte ihre Rache plant, die den korrupten Richter zu ihrem Butler macht und die falschen Zeugen blenden und kastrieren lässt? Ines Krug spielt die Rückkehrerin so eisig und unbeteiligt, dass sie auch den Zuschauer kalt lässt. Und Sven Seeburg verkörpert den Ill blass und charismafrei, dass man sich wundert, was die junge Claire an dem wohl gefunden hat?

Dass Krupa das Personal reduziert und zum Beispiel Koby und Loby nur per Video einspielen lässt, ist vertretbar. Aber wie er Dürrenmatts durchaus deftige Komödie dehnt und verdünnt, macht den mehr als zweieinhalbstündigen Abend zur Geduldsprobe. Es gibt ja im Text die Liedvorträge, mit denen sich die Güllener bei der Milliardärin einschmeicheln wollen. Aber muss das so eine erbärmliche Abba-Kopie sein? Oder der sinnfreie Ausdruckstanz des „Kunstturners“? Sie können es ja besser, das zeigt die Szene, wenn die Stadt die Konsumfreuden auf Pump entdeckt und den Einkauf im Laden von Ill zu Techno-Rhythmen und Sprechgesang vollzieht („Butter und Brot“, Musik: Hannes Strobl), der „Supergeil“-Werbespot von Friedrich Liechtenstein lässt grüßen.

Ab und zu blitzen interessante Momente auf, zum Beispiel wenn Stefan Dieckmann als Lehrer beim Gnadengesuch für Ill in den Ton eines Wirtschaftsförderers verfällt. Oder wenn Axel Holst als Bürgermeister in der abschließenden Bürgerversammlung immer inbrünstiger in den Ton eines Sektenpredigers hineinsteigert. Aber vieles bleibt unklar, matt, rätselhaft. Weiskopf spielt Roby nicht nur als asiatische Kampf-Geisha, auf die Claire zwischendurch irgendwie chinesisch oder japanisch einredet, sie bewegt sich zwischendurch mit abgehackten Schritten und Gesten wie eine Maschine. Der Lehrer bezieht schon bei Dürrenmatt für seine Ansprache Prügel. Aber Krupa lässt den Arzt und den Polizisten minutenlang auf ihn eintreten, dass man schon den Notarzt rufen möchte. Dann steht der Mann auf und setzt sich ungerührt aufs Sofa.

Gewiss ist Dürrenmatts Stück mehr als 60 Jahre alt. Aber so flau muss es trotzdem nicht aussehen.

7., 27.10., 24.11., 16., 21.12.; Tel. 0201/ 8122 200, www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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