„Besessen“ in Dortmund:

Jörg Buttgereit bringt Horrorfilm „Der Exorzist“ auf die Bühne

+
Der Filmabend entgleist: Szene aus „Besessen“ mit Björn Gabriel, Sarah Sandeh und Ekkehard Freye (von links).

Dortmund - „Ihr werdet alle sterben“, verkündet die zierliche Frau den beiden Nerds. Gerd und Marian haben sich eigentlich zu einem schönen Abend mit Horrorfilmen, Pizza und Bier getroffen. Aber dann steht eben Linda im Publikum auf und lässt Alpträume wahr werden.

„Besessen“ nennt Jörg Buttgereit schön mehrdeutig seine fünfte Arbeit am Schauspiel Dortmund. Wieder dramatisiert er höchst eigenwillig ein archetypisches Werk der Popularkultur, diesmal William Friedkins Film „Der Exorzist“. Besessen ist zunächst einmal Gerd von alten Horrorfilmen. Susanne Priebs hat die Bühne im Studio authentisch in die Junggesellenbude eines Fans verwandelt: Regale voller VHS-Videokassetten, Comics und Westernhefte, an den Wänden hängen Kinoplakate, ein Kühlschrank spendet die Bierdose in der Not. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Buttgereit diesmal seine Vorlieben noch etwas authentischer Visualisiert. Ekkehard Freye spielt Gerd mit störrischer Langhaarmatte als einen, der nicht mit seinem Körper mitgealtert ist. Björn Gabriel gibt den Kumpel, einen ebenfalls leicht außerhalb der Welt stehenden angehenden Mediziner. Schon wie sie sich einen Umzugskarton als Tisch decken und die Daten der Rezeptionsgeschichte des Films herbeten, als wären es Verse einer Apostelgeschichte, ist von hinreißender, warmherziger Komik.

Dann kommt Sarah Sandeh als buchstäblich Besessene daher. Ist in sie der Geist von Linda Blair gefahren, die 1973 im Film das von einem Dämon befallene Mädchen Regan spielte? In Buttgereits Stück werden nun die ikonischen Szenen des Films nachvollzogen, das Urinieren im Stehen, das Ausspeien eines eklig-grünen Breis, die blutigen sexuellen Übergriffe mit einem Kruzifix. Und Uwe Rohbeck kommt als „das Böse“ im Anzug daher, ein smarter Strippenzieher des Unheils.

Der Abend geht in einzelnen Szenen schon an die Schmerzgrenze, zum Beispiel, wenn Linda Marian anal mit dem Kruzifix vergewaltigt. Da windet sich Gabriel auf dem Bett, keucht und schluchzt und gibt der Gewalt bestürzende Präsenz. Aber Buttgereit treibt den Abend nicht bis zum Äußersten. Schon deshalb nicht, weil er mittendrin den „Exorzist“ verlässt und im Eiltempo durch andere Genreklassiker eilt, den Angriff des bissigen Killerbabys aus „Die Wiege des Bösen“ inklusive. Buttgereit-Fans kommen bestimmt auf ihre Kosten.

30.10., 11., 22.11., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare