Die Berlinische Galerie zeigt Bilder und Künstlerbiografien im NS-Staat

Yva fotografierte um 1930 „Die Kreolin (Ell’ Dura)“.

Von Achim Lettmann -  BERLIN–Rudolf Jacobi gründete mit seiner Frau Annot im Berlin der 20er Jahre eine Kunstschule. Der Theatermaler hatte von 1926–1928 in Paris studiert und wollte das Gelernte vermitteln. Sein Gemälde „Hinterhäuser in Paris“ (1927) zeigt nicht nur den Eiffelturm über der Metropole, sondern auch seinen expressiven Stadtbildstil. Die wirtschaftliche wie künstlerische Initiative von Annot und Rudolf Jacobi belegt, dass Kunst in dieser Zeit neue Bedeutung erlangte und ihre Ausdrucksformen ein breiteres Interesse fand.

In der Berlinischen Galerie thematisiert eine Ausstellung, wie die Nationalsozialisten ab 1933 solche Entwicklungen erstickten. Die Schau „Kunst in Berlin 1933 – 1938“ leistet Detailarbeit. Im NS-Staat wurde das kulturelle Leben rigide „gleichgeschaltet“. Die kleine Malschule musste bereits 1933 schließen, weil sich die Jacobis weigerten, ihre jüdischen Schülerinnen zu entlassen. Das Paar emigrierte in die USA, weil ihre Kunst verunglimpft wurde. Außerdem wollten sie ihren Kindern die Erziehung im NS-Staat ersparen. Erst 1967 kehrten sie nach Berlin zurück.

Die Berlinische Galerie, das Landesmuseum Berlins, sichert seit seiner Gründung 1975 die Arbeiten von Künstlern, Fotografen und Architekten, die von den Nazis verfolgt, bedroht oder mit Arbeitsverbot überzogen wurden. „Verfemt. Verfolgt. Verboten“ ist der Untertitel dieser Ausstellung, die zum Berliner Themenjahr zählt: „Zerstörte Vielfalt“. Noch vor 1933 war die Stadt ein Ort für die kulturelle Avantgarde, die dann allerdings durchgreifend bekämpft wurde.

Else Neuländer-Simon hatte 1925 ein Fotoatelier in Berlin aufgemacht, wo moderne und experimentelle Bilder entstanden. Yva nannte sich die jüdische Fotografin, die die Atelierleitung 1936 an Charlotte Weidler weitergab, weil die Reichskulturkammer mittlerweile einen „Ariernachweis“ verlangte. Yva bildete noch aus, bis sie 1938 mit Berufsverbot belegt wurden. Einer ihrer Schüler war Helmut Newton, der ab den 50er Jahren ein internationaler Mode- und Porträtfotograf wurde. Yva wollte ausreisen, aber man ließ sie nicht. 34 Kisten mit Privatbesitz standen bereits am Hamburger Hafen. Stattdessen musste sie als Röntgenassistentin in einem Krankenhaus arbeiten. 1942 wurde sie deportiert und ermordet. In der Ausstellung sind von ihr elegante Modefotografien zu sehen und ein „Lifestyle“-Bild: „Die Kreolin (Ell’ Dura)“, um 1930.

Von Otto Dix wird das Gemälde „Der Dichter Iwar von Lücken“ (1926) präsentiert. Es zählt ebenso zur Sammlung wie Werke anderer namhafter Künstler, die Berufsverbot erhielten: Max Beckmann, Otto Freundlich, Naum Gabo, Raoul Hausmann, Hanna Höch, Ludwig Meidner, Felix Nussbaum und Hans Uhlmann. Der Expressionist Dix büßte bereits 1933 sein leitendes Amt an der Kunstakademie in Dresden ein. Seine Bilder wurden verhöhnt. Der Großstadtmaler konnte nur noch Landschaften am Bodensee entwerfen. Auch nach 1945 hatte er keinen Erfolg mehr.

Von Joachim Ringelnatz (1883–1934), der als humoristischer Dichter bekannt ist, wird das Gemälde „Herbstgang“ (1929) ausgestellt. Ein symbolisches Bild, das Mann und Frau zeigt, wie sich beide durch eine öde Landschaft schleppen. Endzeitstimmung. Bereits 1923 stellte die angesehene Galerie Flechtheim seine Bilder aus. Aber die Verbrennung seiner Bücher durch die Nazis und das Berufsverbot beschleunigten seine Tuberkuloseerkrankung. Er starb 1934 verarmt.

So sind hinter den Bildern, Biografien von Menschen zu entdecken, die Entrechtung und Verfolgung des NS-Systems erleiden mussten.

Gottfried Heinersdorf (1883–1941) war schon an Bruno Tauts Glashaus-Projekt auf der Kölner Werkbundausstellung 1914 beteiligt. Ihm wurde als „Halbjude“ untersagt, im Glasmosaik- und Glasmalereigewerbe zu arbeiten. Er eröffnete notgedrungen ein Fotostudio in Berlin. Dann setzte sich der Architekt ab. 1937 bat er in Paris um politisches Asyl, nachdem er mit seinem Sohn eine Ausstellung besucht hatte.

Die sehenswerten Gemälde der Schau „Berliner Kunst 1933 –1938“ ergänzen die feste Ausstellung der Berlinischen Galerie. In Vitrinen werden außerdem Fotos, Papierarbeiten, Dokumente, Briefe und Tagebucheintragungen sichtbar. Zum Beispiel die Beobachtung von Hannah Höch, die die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München besuchte und in ihr Tagebuch (11./16. September) schrieb, ehrfürchtig und still sei das Publikum gewesen. Wohl mit dem Gefühl, das hier Kunst billig herabgesetzt wurde.

Die Systematik aus Gesetzen, Diffamierung und Verfolgung war nicht nur in Berlin für avantgardistische Künstler verheerend. Die Schau vermittelt, wie gnadenlos und perfide Karrieren und Existenzen zerstört wurden. Was geblieben ist, ist aber zu sehen: die Kunst.

Die Schau

Bilder der verlorenen Generation: Zu sehen sind Künstler, die im NS-Staat systematisch ausgegrenzt wurden. Vor allem die biografischen Details geben dem persönlichen Schicksal der Verfolgten Kontur.

Kunst in Berlin 1933 – 1938. Verfemt. Verfolgt. Verboten. In der Berlinischen Galerie, Alte Jakobstr. 124-128. Bis 12. August, mi-mo 10 bis 18 Uhr,

Tel. 030 / 789 02 600,

www.berlinischegalerie.de

Quelle: wa.de

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