„Berlin 36“ in der ARD: Karoline Herfurth als jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann

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Gretel Baumann (Karoline Herfurth) wird von Trainer Hans Waldmann (Axel Prahl) unterstützt. Szene aus „Berlin 36“. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ Wie es nichts wurde mit einer Goldmedaille im Frauen-Hochsprung bei den Olympischen Spielen: Das erzählt „Berlin 36“. Die ARD strahlt den Kinofilm von Kaspar Heidelbach (2009) aus. Er ist der Versuch, zwei im „Dritten Reich“ beschädigte Lebenswege nachzuzeichnen. Es geht um die Jüdin Gretel Bergmann und den intersexuellen Heinrich/Dora Ratjen. Er heißt hier Marie Ketteler.

Heidelbach und Lothar Kurzawa (Buch) greifen nach einer verblüffenden Geschichte. Doch sie versimpeln sie bis zum Überdruss mit Klischees von dumpfen, dummen, brutalen Nazis hier und arglosen Opfern dort. Trotz gediegener Bilder und guter Schauspieler – Karoline Herfurth als Gretel Bergmann, Sebastian Urzendowsky als ungelenke Marie Ketteler und Thomas Thieme als feister Reichssportführer – ist „Berlin 36“ bloß aufdringlicher Kitsch.

Dabei ist unglaublich, was sich so ähnlich 1936 tatsächlich abspielte: Juden müssen in den Olympia-Kader, sonst boykottieren die Amerikaner die Spiele in Berlin. Die Peinlichkeit wäre zu groß für Adolf Hitler und seine Schergen. Sie sind seit drei Jahren an der Macht, und seitdem wiegeln sie mit Trotz und Verleugnen die internationalen Proteste gegen die Entrechtung der jüdischen Deutschen ab. Jetzt wird die Hochspringerin Gretel Bergmann aus dem britischen Exil heim ins Reich genötigt: Sonst werde ihrer Familie „etwas Schreckliches“ geschehen.

Doch die Goldmedaille soll sie für den NS-Staat gar nicht holen. Dafür ist eine „Arierin“ vorgesehen: Marie Ketteler, die eigentlich ein Mann ist und sich für das falsche Leben mit verbissenem Training kasteit. Auch sie wird erpresst von NS-Sportoberbonze Hans von Tschammer und Osten: „Du gehörst eigentlich in eine Heilanstalt, das weißt du.“

Abweichungen von den historischen Fakten sind dem Spielfilm nicht prinzipiell vorzuwerfen. Etwa, dass die Geschichte dramaturgisch zugespitzt wird, indem Marie und Gretel um einen Platz in der Olympiamannschaft konkurrieren. Daneben wird aber die Brisanz des Stoffes mit plumpen Erzählmustern verläppert. Buch und Inszenierung vergröbern die Geschichte und beschädigen bald auch ihren authentischen Kern. So ist Marie Ketteler hier lediglich das Opfer einer prügelnden Mutter, die sich immer ein Mädchen wünschte.

Eindeutig und uninteressant wird das übrige Personal einsortiert: Die Konkurrentinnen im Trainingslager sind ausnahmslos miese Hochspringerinnen, aber umso fanatischere Nazi-Zicken, die die Jüdin piesacken – was Bergmann in ihren Erinnerungen ganz anders schilderte. Der Trainer (Axel Prahl) ist hart, aber fair, und er wird deswegen durch einen rassistischen Schleifer (Robert Gallinowski) ersetzt.

Bergmanns anfängliches Nein zur Olympia-Teilnahme – sie will nicht als Alibi-Jüdin herhalten – wird zur unglaubwürdigen Staatsaffäre samt Mordkomplott aufgeblasen, das darin gipfelt, dass der Nazi-Trainer in sie einer dunklen Straßenecke bedroht: „Sie können sich natürlich auch für den Heldentod entscheiden.“

Der geschichtliche Kontext ist ausgeblendet, was den Fall Bergmann zur absurden Anekdote verkleinert. Ab 1933 durften jüdische Sportler nicht mehr bei Wettbewerben starten und „deutsche“ Sportstätten nicht betreten. Unter diesen Bedingungen hatte kaum noch einer Olympia-Niveau. Bis auf Gretel Bergmann – was sie so wichtig machte.

Quelle: wa.de

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