Benjamin Steins Roman „Replay“

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Benjamin Stein

Von Ralf Stiftel ▪ Ed Rosen träumt manchmal schlecht. Und manchmal ist der Traum nach dem Aufwachen nicht vorbei. Dann macht er sich wirklich Sorgen: „Wem auch immer der Huf gehört, der unter meiner Bettdecke hervorlugt, meiner ist es nicht.“

Ed Rosen ist der Ich-Erzähler in Benjamin Steins Roman „Replay“, und er lebt in einer nicht genauer definierten, aber nahen Zukunft. Die Welt wurde verändert durch eine Erfindung, an der Rosen erheblichen Anteil hatte, dem „UniCom“. Man stelle sich eine Kombination aus Mobiltelefon und Laptop vor, mit der man ununterbrochen online ist. Man kann dieses Gerät nicht verlieren, denn es ist dem Menschen implantiert, und gesteuert wird es durch Gedanken. Und man kann sich nicht nur mit einem angenehmen Film morgens wecken lassen, man kann ohne eine Fingerbewegung Nachrichten anschauen oder einen Begriff im Web nachschlagen. Man vergisst auch nichts mehr, weil alles, was man sieht oder hört, aufgezeichnet wird und immer wieder abgerufen werden kann. Dieses Replay ist kaum vom echten Erlebnis zu unterscheiden. Und UniCom-Träger können sich sogar vernetzen. Was zum Beispiel ungeahnte Möglichkeiten beim Liebesspiel eröffnet.

Das mag utopisch klingen, aber technisch trennt uns wenig von diesem Gerät. Benjamin Stein, 1970 in Ostberlin geboren, Autor, Redakteur für Computerzeitschriften und Unternehmensberater für Informationstechnologie, hat schon 2010 mit dem Roman „Die Leinwand“ ein ungewöhnliches, komplexes und sehr spannendes Buch vorgelegt, das mit dem renommierten Tukan-Preis der Stadt München ausgezeichnet wurde. Er kann recht gut abschätzen, was machbar ist. Er malt uns zunächst ein Paradies aus, in dem Menschen mit Technik „veredelt“ werden. Und dann zeigt er die Kehrseite.

Das UniCom bietet nicht nur unendliche Möglichkeiten der Kommunikation. Es schafft auch den vollkommen gläsernen Menschen. Die Kontrolle ist total, und Verbrechen sind kaum noch möglich. Menschen ohne UniCom, die „Anonymen“, werden zu Ausgestoßenen, sie könnten etwas verbergen wollen. Andererseits können sie sich in der Gesellschaft kaum bewegen, kein Auto fahren, nicht mal ein Taxi rufen, denn Handys gibt es nicht mehr. Die Betreiberfirma, die heutige IT-Giganten wie Microsoft und Apple in den Ruin trieb, schafft sich gewaltige Märkte, zum Beispiel mit Pornografie. Aber auch mit schmutzigen Tricks. Man kann zum Beispiel den Blick des UniCom-Trägers im Supermarkt auf bestimmte Produkte lenken.

Eine Dystopie also, eine Zukunftsvision mit schlechtem Ausgang. Stein verliert sich nicht in all den technischen Details. Die handelt er auf wenigen Seiten ab, oder da und dort in Nebensätzen. Er liefert uns eine mitreißende Mischung aus Liebesgeschichte und leisem, aber abgründig finsterem Thriller. Das Buch lebt nicht nur von einem feinen Gewebe aus Motiven und Verweisen, vom jüdischen Jenseits-Konzept des Sheol zum griechischen Arkadien, von die Militärdiktatur in Chile bis zu Aldous Huxleys „Brave New World“ oder dem Film „Matrix“. Es gibt auch einen gut dosiert boshaften Humor darin, zum Beispiel wenn ausgerechnet Wikileaks-Gründer Julian Assange, einst Prophet der Transparenz, nun die Privatsphäre predigt und vor totaler Kontrolle warnt. Und der Bocksfuß, der immer wieder auftaucht, der beunruhigt Ed Rosen mit guten Gründen.

Benjamin Stein: Replay. Verlag C.H.Beck, München. 173 S., 17,95 Euro

Quelle: wa.de

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