„Bella Italia“: Von-der-Heydt-Museum Wuppertal zeigt frühe Fotos

+
Mondscheineffekt am hellen Tag: Carlo Naya schuf die stimmungsvolle Ansicht von Venedig um 1870 ▪

Von Ralf Stiftel ▪ WUPPERTAL–Im bläulich eingefärbten Dunkel wirkt die Nacht über dem Bacino di San Marco besonders romantisch. Der Mond scheint durch die Wolken sein bleiches Licht auf Santa Maria della Salute zu werfen. Zwei stolze Venezianer lehnen an der Uferbrüstung, ihre Gesichter sind nur zu erahnen. Seltsam nur die langen Schatten, die die Laternen werfen. Carlo Naya hat die Fotografie um 1870 gar nicht nachts aufgenommen, sondern am Tag. Der „Mondscheineffekt“ wurde im Labor erzielt, durch dunkles Abziehen und getöntes Fotopapier. So erfüllte man schon vor 150 Jahren Kundenwünsche.

Die Aufnahme ist im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum zu sehen. Die Ausstellung „Bella Italia“ sorgt zum Ferienstart für Urlaubsstimmung. Die mehr als 200 Aufnahmen aus der Frühzeit der Fotografie stammen aus der großartigen Sammlung des Stadtmuseums München und dem Bestand des Sammlers Dietmar Siegert. Ergänzt werden sie durch einige frühromantische Italiengemälde aus dem Besitz des Von-der-Heydt-Museums.

Lange stand Italien als Sehnsuchtsland für Künstler und junge Adlige. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich ein kommerzieller Tourismus. Unternehmen wie das Büro von Thomas Cook boten organisierte Touren an. So schleppten Träger Reisende wahlweise auf dem Rücken oder in Sänften auf den Vesuv, Vulkan gucken. Giorgio Sommer hat es um 1880 fotografiert. Die Fotografie bot Erinnerungsbilder. Ausstellungskurator Ulrich Pohlmann sagt, dass viele Touristen ihr privates Museum schufen.

Einfach hatte es der Künstler nicht. Anfangs wurde mit dem nassen Kollodiumverfahren gearbeitet. Die Fotoplatte musste vor Ort befeuchtet, belichtet und im Laborzelt entwickelt werden. Bis zu 30 Helfer und Träger brauchte der Fotograf für seine Aufnahme. Belichtet wurde lange, so dass all die Piazzen und Straßen menschenleer wirken. Manchmal sieht man Schemen, wie in Giorgio Sommers um 1870 entstandener Aufnahme aus dem Hafen von Messina. Nicht nur darum zeigen die Künstler vor allem die berühmten Veduten. Wir sehen den Dogenpalast in Venedig und die Seufzerbrücke, das Panorama von Rom und die Säulen des Forum Romanum, die Arena di Verona und den Wandelgang des Camposanto in Pisa. Diese Fotos haben den Zauber eingefrorener Zeit. Man betrachte nur die metallisch glänzenden Wasseroberflächen der Kanäle oder Robert MacPhersons Bild der Wasserfälle von Marmore bei Terni (um 1858).

Die Malerei war auch Inspirationsquelle für die Fotografen. Oswald Achenbachs gemalte Pinien (um 1850) und Robert MacPhersons fotografierte (1853) zeigen, wie sich der Blick schulte. Es funktionierte auch andersherum: Anselm Feuerbachs Porträt der Nanna (um 1861) erinnert an Fotos von Modellen.

Ab 1870 gab es Fototechniken, die mit kürzeren Belichtungszeiten auskamen. Nun sind auch Menschen in den Bildern. Aber kaum weniger als die Malerei inszenierten die Fotografen die Wirklichkeit. Viele Italienklischees wurden durch diese Bilder geprägt. Die Fratelli Alinari zeigen (handkoloriert) eine Jungsbande, hingelümmelt auf der Straße: Dolce far niente, süßes Nichtstun (um 1880). Straßenmusiker, die „Pifferari“ mit Dudelsäcken und Flöten, werden gezeigt und Bettler wie der kleinwüchsige Chicchignola aus Rom (um 1860). Die Makkaroniesser lässt Giorgio Sommer um 1865 mit langen Nudeln posieren. Selbst den kindlichen Taschendieb zeigt er (um 1868), schon aus technischen Gründen in einer gestellten Atelieraufnahme. Die soziale Realität kam allenfalls als idyllischer Moment vor wie bei den Arbeiterinnen in Amalfi (um 1890). Der Fotograf folgt dem Blick des Touristen.

Und doch bot die Fotografie jener Jahre noch viel mehr. Giorgio Sommer nahm am 26. April 1864 im Halbstundenabstand den Ausbruch des Vesuv auf. Die Staubwolke bläht sich mal auf, scheint wieder Kraft zu sammeln. Nach der Entdeckung von Pompeji schufen Wissenschaftler Ausgüsse der Hohlräume in der Vulkanasche. Die Abbilder der Toten aus der Römerzeit fotografierte Sommer auch.

Die Kunstschätze Italiens wurden interessant. Die Fotografen gingen in die Museen und Paläste. James Anderson nahm um 1852 die Laokoon-Gruppe auf, Giorgio Sommer um 1868 in Florenz Giovanni di Bolognas Raub der Sabinerinnen.

Der deutsche Fotograf Wilhelm von Gloeden suchte in Sizilien das Land der Griechen mit der Seele. Zum einen konnte er im späten 19. Jahrhundert dort seine Homosexualität ausleben. Dazu gehörten Aktstudien mit jungen Männern in den Posen antiker Skulpturen. Obwohl die erotische Anmutung unübersehbar ist, wurden diese Aufnahmen in Familienjournalen gedruckt und an Kunstakademien als Lehrmittel eingesetzt.

Bella Italia im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal. Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, 10.7.–9.9., di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr,

Tel. 0202/ 563 62 31, www. von-der-heydt-museum.de,

Katalog, Kehrer Verlag, Heidelberg, 25 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare