Die belgische Stadt Brügge belebt ihre Kunst-Triennale neu

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Eine Vorschau auf den Klimawandel? Romy Achituvs Arbeit „Cataract Gorge“ am Stadtrand.

Brügge - Die Fluten schwappen um die Fenster des Giebelhauses von Romy Achituv. Das Holzgebäude in typisch mittelalterlicher Anmutung steht mitten in einem Schleusenbecken des Kanalsystems von Brügge. Das Modell eines Krans aus der Hansezeit dahinter stützt die Illusion: Die Geschichte ist in Gefahr. Vielleicht setzt der israelisch-amerikanische Künstler mit seiner Inszenierung den Klimawandel ins Bild. Vielleicht spielt er auch auf eine andere Bedrohung an.

„Cataract Gorge“ ist ein Kunstwerk der neuen Triennale, mit der die flämische Stadt sich für zeitgenössische Kunst und Architektur öffnen soll. Brügge hat es eigentlich nicht nötig, sich für mehr Touristen aufzuhübschen. In der historischen Innenstadt leben 22 000 Menschen. 5,3 Millionen Besucher wandeln jährlich durch dieses bewohnte Freilichtmuseum. Die Kapazität ist eigentlich ausgeschöpft. Aber der sozialistische Bürgermeister Renaat Landuyt blickt weiter. Er hat 2003 – damals als Kulturminister – die Triennale Beaufort in den belgischen Küstengemeinden initiiert. Nun zieht er in Brügge nach, indem er die Triennale reaktiviert, die es bis in die 1970er Jahre schon einmal gab. Das Festival verfügt über ein Budget von 3 Millionen Euro.

18 internationale Künstler wurden eingeladen, Arbeiten im Stadtraum zu realisieren. Ausgangspunkt für alle Kunstwerke war eine Geschichte: Was wäre, wenn die 5,3 Millionen Touristen nicht heimreisten, sondern dauerhaft in Brügge blieben? Wie sähe das Unesco-Weltkulturerbe aus als Ballungsraum mit größerer Siedlungsdichte als New York oder Tokio? Die Verstädterung ist ein globaler Trend. Überall verlassen die Menschen die ländlichen Räume und suchen ihr Glück in den Städten. Was braucht es für ein faires, erfülltes oder wenigstens auskömmliches Leben?

Natürlich ist eine Ausstellung kein Symposion. Die Künstler bearbeiten die Fragen nicht im Diskurs wie Wissenschaftler. Aber die Erzählung fokussiert die Kunst auf Leitmotive wie Urbanität und Stadtentwicklung. Die Schau, berichtet Bürgermeister Landuyt, war nicht leicht zu realisieren, weil Rücksicht zu nehmen war auf die Regeln des Weltkulturerbes. Wenn das japanische Stararchitekten-Team Bow-Wow in die Kanäle eine hölzerne Plattform einspannt, die als Badeanstalt, als „Canal Swimmer’s Club“ dient, dann ändert das die Anmutung der beschaulichen Grachten im Norden Brügges. Aber es lenkt auch den Blick darauf, wie man die Stadt benutzt: Normalerweise dienen die Kanäle einer Flotte von Booten dazu, Heerscharen von Touristen an den Sehenswürdigkeiten vorbeizuschippern. Das Wasser ist badetauglich. Warum also nicht ein innerstädtisches Freibad?

Die Ausstellung ziele nicht darauf, zusätzliches Publikum nach Brügge zu locken, versichert Till-Holger Borchert, Direktor des städtischen Groeninge-Museums, der die Triennale mit Michel Dewilde kuratiert hat. Aber wer kommt, werde die Schau sehen. Sie ist gegen das Image der Stadt gesetzt, als Gedankenlabor. Die Kunstwerke haben nicht immer mit Verstädterung zu tun. Bruce Odland und Sam Auinger, amerikanisch-österreichisches Künstlerduo, hat es die Stille angetan. In der Stadt ist es meistens ruhiger als in Metropolen anderswo. Ihre Arbeit „Quiet Is The New Loud“ soll Besucher dafür sensibilisieren. Sie entwickelten spezielle Ballone, die als Lautsprecher funktionieren. Besucher können einen ausleihen und mit ihm den Stadtraum akustisch erleben. Die Klick- und Schnalzlaute werden von den Fassaden reflektiert, so Odland, und man höre den Stadtraum. Im Praxistest an einem ruhigen Abend funktioniert das Mit-den-Ohren-Sehen nicht wirklich. Und ein wenig albern sieht es schon aus, den silbrigen Ballon Gassi zu führen.

Für Irritationen sorgt die Installation „1:1 Connect: DiamondScope“ von Vibeke Jensen auf dem Markt. Die norwegische Künstlerin stellt dem Belfried eine von außen verspiegelte Kabine gegenüber, in der sich jeweils ein Brügger und ein Tourist begegnen können. Sie finden eine Zuflucht mitten unter knipsenden Asiaten, Passanten, Geschäftsleuten. Von außen blickt man auf glitzernde, kubistisch verfremdete Spiegelungen des historischen Platzes. Das bringt die Pferde vor den zahlreichen Kutschen durcheinander, mit denen Heerscharen von Touristen an den Sehenswürdigkeiten vorbeirollen.

So präsentiert sich die Stadt in diesem Sommer anders. Im Beginenhof hat der japanische Künstler Tadashi Kawamata zehn Baumhäuser errichtet. Das deutsch-britische Künstlerduo Helen Evans und Heiko Hansen ließ hinter dem Sint-Jans-Hospital einen mächtigen Strommast in den Kanal stürzen. Sie zeigen die Verletzlichkeit der Infrastruktur in dicht besiedelten Räumen. Der Strommast steht vor den Ziegelmauern als fragile Skulptur, als stählernes Linienspiel. An den Gummi-Isolatoren knistert ab und zu Restspannung.

Der chinesische Künstler Song Dong arbeitet mit historischem Material. Er recycelt vor der St.-Salvator-Kathedrale Türen und Fenster aus abgerissenen Bauten in chinesischen Großstädten zu einem kristallförmigen Ensemble aus verglasten Hütten. Im asiatischen Boomstaat lässt man sich von Denkmalschutz nicht an der profitablen Stadtraum-Nutzung hindern.

An drei Standorten ergänzen Studio-Ausstellungen die Freiluftkunst. Im Arentshuis begegnet man den „City Metaphors“. Der deutsche Architekt Oswald Mathias Ungers (1926-2007) hatte 1976 in einer Serie von Bildtafeln entwickelt, die Analogien zwischen organischen und städtebaulichen Strukturen herstellte, etwa das Skelett und das Straßennetz oder die Verdauung und die Kanalisation verglich. Im Stadhuis wiederum sind Stadtmodelle zu sehen, zum Beispiel Tracey Snellings faszinierend durch Mini-Videos belebte fiktive Szenerien, die von Slums in China inspiriert sind.

Triennale Brügge

Bis 18.10., bei einigen Installationen und den Ausstellungen unterschiedliche Öffnungszeiten.

Für alle Stationen gilt Eintritt frei.

www.triennalebrugge.be

www.visitbruges.be

Kurzführer 9,95 Euro

Allgemeine Infos:

Tourismus Flandern/Brüssel, Köln, 0221 / 270 97 70

www.flandern.com

Quelle: wa.de

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