Beckett-Abend am Schauspiel Dortmund

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Schatten mit Spiegelung: Szene aus dem Dortmunder Beckett-Abend mit Merle Wasmuth und Ekkehard Freye.

DORTMUND - Am Anfang sieht das Publikum im Studio des Theaters Dortmund sich selbst. Die Bühne ist verstellt von einer spiegelnden Glaswand. Erst mit Beleuchtung von hinten gibt sie den Blick frei. Dahinter liegt Merle Wasmuth auf einem Boot, weiß geschminkt, unter schwarzer Gaze, und spricht den atem- und pausenlosen Monolog der Winnie.

Mit dem Bühnenbild von Pia Maria Mackert macht Regisseur Marcus Lobbes gleich deutlich, dass hier sozusagen unsere Sache verhandelt wird. Der Besucher soll sich seiner selbst vergewissern in den Texten des irischen Dramatikers Samuel Beckett. Der Stücktext hält Winnie aus „Glückliche Tage“ noch auf einer Stelle fest: Erst steckt sie bis zur Hüfte in einem Erdhügel, dann bis zum Hals. Sie versinkt – vielleicht – in einem Grab. Den Weg vom Dies- zum Jenseits bringt Lobbes mit dem ausgeklügelten Raum in Bewegung: Winnies Boot ruckelt in winzigen Schritten über die Bühne, auf einen kleinen Berg aus Schädeln zu, in den es am Ende krachend und poltert einfährt. Hier überquert Becketts Heldin sichtbar den Styx. Und ihr Erinnerungstext bekommt eine unaufdringliche, aber sehr passende Bebilderung.

Wasmuth kann sich etwas mehr bewegen als in Becketts ursprünglichem Arrangement. Sie richtet sich auf, wendet sich hin zum Bootsheck, spannt den Körper zu einem Bogen. Sie spricht wunderbar intensiv. Die anfangs scheinbar zusammenhanglosen Satzfetzen über das körperliche Befinden, über ihren ersten Kuss, über „Barchborsten“ fügen sich zum letzten Rückblick an der Schwelle des Todes ebenso wie die mal zaghaften, mal energischen Versuche, mit Willie zu reden. Ekkehard Freye sitzt in der ersten Reihe des Publikums hinter einer Kamera. Er antwortet ihr oft nicht, sondern wirft nur Textfetzen ins Spiel, Zeilen aus Zeitungsannoncen wie „Chance für fixen Jungen“, die er durch Aussprache sexualisiert. Mal filmt er sich, und nur seine Augen flimmern riesig schwarzweiß von einer Leinwand hinter Wasmuth. Mal steht er auf und tritt an die Glaswand. Sie wirkt immer geisterhafter, weil der Zuschauerraum mehr Licht bekommt und so die Spiegelung des Publikums Winnie verblassen lässt.

Anschließend schminkt Freye sich das Gesicht, setzt eine wirre Perücke auf und spielt, als Spiegelung im Glas, „Das letzte Band“. Bei Beckett sucht Krapp noch den Glücksmoment akustisch, als Tonbandaufnahme. Freye stöbert in Tagebuch-Videos nach der Erinnerung an die Liebesbegegnung im Schilf. Fast, als sei er immer noch Willie aus den „Glücklichen Tagen“.

Die komödiantischen Momente, die Beckett in jedem Text auch einsetzt, treten an diesem Abend in den Hintergrund. Dies ist existentialistisches Theater, intensiv, sehr berührend, mit zwei hochpräsenten Darstellern.

11., 23.9., 1., 25., 28.10.,

Tel. 0231 / 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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