Ben Becker liest John Donne bei Ruhrfestspielen

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Ben Bekcer ▪

Von Achim Lettmann ▪ RECKLINGHAUSEN–Eigentlich muss man die Worte gar nicht verstehen, wenn Ben Becker sie in seine Bassstimme bettet und zu wohlgeformten Klangstückchen reiht.

Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen hat er zwei Monologe gelesen, die einen den christlichen Mystiker John Donne und den russischen Lyriker Joseph Brodsky nahebringen. Der erste, ein Zeitgenosse Shakespeares und geachteter Prediger in der Londoner St. Paul Kathedrale, schrieb „Todes Duell“ (1631), seine letzte Predigt. Er war seit Jahren bettlägrig und vom Magenkrebs gezeichnet. Folglich setzte sich Donne über seinen Tod und das Leben auseinander. John Donne stimmte eine defätistische Rückschau an („Wir kommen, um ein Grab zu suchen“) und klagt über die Verwesung des Körpers, wenn die Würmer nach dem Tod den Leib zerfressen. Ben Becker, der mit seinen Leseprogrammen bundesweit Erfolg hat, breitet die bildreiche Sprache Donnes aus. Er steht am Katheder im halbdunklen Raum und macht den Text körperlich spürbar. Er formt die Worte sichtbar, führt seine Hand, als ob er den Zeilen auf die Welt hilft. Becker gelingt es, die methaphysische Dichtung, die heutzutage kaum noch gepflegt wird, zu einem beinah katharsischen Erlebnis im Festspielhaus zu machen. John Donne vergleicht sich in „Todes Duell“ mit Hiob, der Prüfungen Gottes zu bestehen hatte. Es wird ein schauriger Lebensabriss. Am Ende nimmt Donne die Herabsetzung durch Gott an, um sich zu trösten, dass der Herr ihn schon retten werde. Der Mystiker hilft seiner Seele. Und Becker zieht die Strümpfe und Schuhe aus, das Hemd. Die Hose? Ja, auch die Hose. Dann wendet er sich ab und geht nackt von der Bühne, vom matten Lichtschein begleitet. Ruhig, souverän; auch ein Botschafter vergessener Literatur.

Mit Joseph Brodsky, dem russischen Literaturnobelpreisträger (1987), erweitert er das Bildungsprogamm um die Textsorte Elegie. Brodsky war ein Fan Donnes, und er feiert ihn mit „Große Elegie an John Donne“. Ben Becker (wieder angekleidet) spricht den Text silbengenau. „John Donne ist eingeschlafen.“ Brodsky zählt aus allen Lebensbereichen auf, was eingeschlafen ist („Die Trochäen ... den Dichters Lorbeer“). Und Becker stimmt mit seinem melodischen Wortvortrag eine tiefe Meditation an, die alle erfasst. „Wer ist zu hören?“ Der Lyriker Brodsky führt John Donne seine eigene Seele zu („Deine Seele ist es, John Donne“) und tröstet den Mystiker über alle Zeiten hinweg: „Schlaf‘ John Donne“. Am Ende singt Ben Becker ein theatralisches Lied und wie ein Wunder aus ferner Zeit vermittelt seine Lesung eine Kraft, die aus der christlichen Thematik, aber vor allem aus der literarischen Form erwächst, die Ben Becker meisterlich beatmet hat. Großer Jubel!

Quelle: wa.de

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