Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy wird in Berlin gewürdigt

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Farbfotogramm von Floris Neusüss und Renate Heyne (2013) mit dem „Lichtrequisit für eine elektrische Bühne“ von László Moholy-Nagy, zu sehen im Bauhaus-Archiv Berlin.

BERLIN - Die Ideen des Bauhauses finden immer mehr Aufmerksamkeit. Die Schule für Gestaltung, die von 1919 bis 1933 in Weimar, Dessau und Berlin angesiedelt war, soll zur kunst- und designhistorischen Anlaufstätte ausgebaut werden. In Weimar wird ein neues Museum für die frühe Zeit (1919–1924) errichtet – geplante Eröffnung 2018. In Dessau soll ebenfalls ein Bauhaus-Museum im Stadtpark für die 40 000 Exponate umfassende Sammlung 2019 fertiggestellt sein.

Von Achim Lettmann

Und nicht zuletzt Berlin. Das Bauhaus-Archiv kann nachweisen, dass sich die Publikumsresonanz seit dem Jahr 2000 verdoppelt hat und mehr als 100 000 Besucher jährlich zum Bauhaus-Archiv (von 1979) kommen. Ein Anbau soll spätestens 2019 fertig sein. Zum 100-jährigen Jubiläum wird das Bauhaus als die gestalterische Institution des 20. Jahrhunderts gefeiert.

Bis dahin gilt es wohl, die Spannung hochzuhalten. In Berlin würdigt gerade eine Ausstellung die innovative Kraft des vielleicht vielseitigsten Bauhauskünstlers, László Moholy-Nagy (1895–1946). Der Gastkurator Oliver Botar, Professor der Universität Manitobar (Kanada), greift eine Erkenntnis Moholy-Nagys auf, die zu Erkenntnissen unserer Zeit passt. Heutzutage wird die Kompetenz von Kindern und Jugendlichen beklagt, die aufgrund digitaler Techniken (PC, Smartphones etc.) unter Bewegungsmangel leiden und motorische Defizite haben. Ihr Sinnesspektrum wird nicht ausreichend angesprochen. Dieses Problem hatte László Moholy-Nagy bereits in den 1920er Jahren als Folge einer technisierten Welt erkannt. Ziel Moholy-Nagys war, die „organische Entwicklung“ jedes Einzelnen über „Sinne“ und „Intellekt“ zu ergänzen. Er merkte, dass bereits vor hundert Jahren einseitige Alltagsabläufe den Menschen versimpelten. Potenzial dagegen anzusteuern, sah der Bauhauskünstler, der von 1923 bis 1928 an der Einrichtung in Weimar und Dessau unterrichtete, in den Bereichen Medien, Kunst, Kultur und Wissenschaften.

Die Ausstellung in Berlin „Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste“ zeigt die Initiativen und Arbeiten des gebürtigen Ungarn, der seiner Zeit voraus war. Außerdem werden zeitgenössische Künstler ausgestellt, die auf Moholy-Nagys Arbeit reagieren. Rund 300 Exponate sind zu sehen.

Über seine Frau Lucia hatte Moholy-Nagy die reform-pädagogischen Bewegung 1920 in Berlin kennengelernt. Körper und Sinne wurden vielfältig sensibilisiert. Der Dadaist Raoul Hausmann und der Musikpädagoge Heinrich Jacoby („Jeder ist begabt“) beeinflussten Moholy-Nagy außerdem. Mit Alfréd Kemény verfasste er daraufhin ein Manifest vom „Dynamisch-konstruktiven Kraftsystem“. Beide forderten 1922 eine neue Kunst, bei der jeder die „Kräfte des Universums“ spüren sollte. Was sich etwas hochtrabend anhört, war ganz unmittelbar zu verstehen. Jeder sollte „teilnehmen“ und „eintauchen“, sich mehrdimensional erfahren. In der Ausstellung sind Fotografien zu sehen, die beispielsweise László Moholy-Nagy bei einer „Körperarbeit“ zeigen (um 1925). Oder wie er Ellen Frank um 1929 porträtierte und dabei nur den Moment einer Drehbewegung ihres Kopfes festhält, der eines ihrer Augen akzentuiert. Neben dem Detail bietet die Fotografie „Bootssteg von oben“ (1930) drei Matrosen, die überrascht werden und in Aufsicht zu sehen sind. Extreme Perspektiven und neue Visualisierungen kennzeichnen Moholy-Nagys Fotografie der 20er Jahre wie auch die seiner Frau Lucia. Neben den Bildern wird sinnlich Erfahrbares ausgestellt: Muster für Ornamente, eine Trommel mit Stoffen, Fell, Lack, Kunststoff, Leder, Holz und Schmiergelpapier, die das taktile Empfinden fordern. Tastobjekte, Hand- und Balanceskulpturen sind zu sehen, die auch an die Vorschulephase im Bauhaus erinnern, die Moholy-Nagy 1923 von Johannes Itten übernommen hatte.

Nicht zu sehen ist das „Polykino“, das den Menschen mit Lichteffekten konfrontieren sollte. Moholy-Nagy war von der „schweifenden“ Natur des Lichts angetan, wenn es ausgedehnt, gebrochen oder gestreut wurde. In die dann entstehenden organischen wie energetischen (Licht)Systeme, also verschiedene Qualitäten von Lichtstrahlen, sollte der Mensch eintauchen und ihre Kraft spüren. Moholy-Nagy konnte das Polykino nie verwirklichen. Er machte die Erfahrung, dass viele seiner technischen Ideen zu kostspielig waren. In der tschechischen Zeitschrift Telehor (1936) bedauert er, dass Lichtkunst vom Mäzen abhängig sei. In Berlin ist eine Rekonstruktion der viersprachigen Zeitschrift für visuelle Kultur zu sehen. Im Bauhaus-Archiv haben die Künstler Lancelot Coar und Patrick Harrop einen Projektionsraum eingerichtet, der aufs „Polykino“ zurück geht.

László Moholy-Nagy wollte farbige Pigmente der Malerei durch farbiges Licht ersetzen. Er wollte auch mit Licht „malen“. Moholy-Nagy entwickelte ein „Lichtrequisit für eine elektrische Bühne“ (1930), das als Nachbau von 1970 in Berlin zu sehen ist. Die vielfältigen Lichtbewegungen inspirierten die Künstler Floris Neusüss und Renate Heyne zu vier Fotogrammen. Sie transportieren die Formen des Lichtrequisits mithilfe farbigen Lichts auf Fotopapier und verstärken so die Dichte von Farbe und Form.

Für Moholy-Nagy war die „Leidenschaft für Transparenz“ das zentrale Thema seiner Zeit. Die Ausstellung hält viele Beispiele für diesen neuen Ansatz bereit. Das Gemälde „Z1“ ist so ein Klassiker, der damals im Dessauer Meisterhaus hing und mittlerweile zum Bauhaus-Archiv gehört. In dem Bild öffnet Moholy-Nagy die plane Fläche der Leinwand, in dem er die Darstellung der viereckigen Figur in Gelb, Rot und Blau in einer zweiten Version verzerrt. „Z1“ (1922/23) scheint in eine tieferliegende Sphäre zu entschwinden. Das räumliche Verhältnis von Formen wird in seine Konstruktionsbildern erprobt.

Mit Konzeptbildern schlägt Moholy-Nagy bereits 1922 ein Kapitel der Kunstgeschichte auf, das erst ab den 60er Jahren fortgeschrieben werden sollte. Die sogenannten „Telefonbilder“ sind fünf Emailleschilder, die Moholy-Nagy per Telefon 1922 in einer Werkstatt bestellt hatte. Die ausgeführten Bildplatten erstellte ein Mitarbeiter, der Künstler gab nur noch die Anweisungen. Kunst sollte vor allem Information sein.

Die Schau

Ungemein vielfältige Schau, die das Werk Moholy-Nagy in seiner Bedeutung würdigt und zeitgenössischen Positionen zeigt.

Sensing the Future: László Moholy-Nagy, die Medien und die Künste im Bauhaus-Archiv Berlin. Bis 2. 2. 2015, mi-mo 10 bis 17 Uhr; 25. 12. 13-17 Uhr, 26., 30., 31. 12. 10-17 Uhr, 1.1. 13-17 Uhr; Tel. 030/2540020;

Katalog 35 Euro;

www.bauhaus.de

Quelle: wa.de

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