New Bauhaus Chicago: Was aus der Schule der Gestaltung wurde

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Lichtreaktionen auf Glas: Arthur Siegels „Ohne Titel“, 1940er Jahre, Cliché Verre. Der Fotograf unterrichtete ab 1946 in Chicago – mit Unterbrechungen bis 1978.

1937 sollte es weitergehen. Laszlo Moholy-Nagy, Fotograf und Lichtkünstler, führte das „New Bauhaus“ in Chicago, nachdem die Schule der Gestaltung 1933 im NS-Deutschland geschlossen wurde. Was konnte sich entwickeln? Wie verbreiteten sich die Bauhaus-Ideen von Gründer und Architekt Walter Gropius, von den Kursleitern wie Moholy-Nagy und Johannes Itten, um nur einige zu nennen.

Zur Erfolgsgeschichte und zum Mythos zählen solche Fragen. Das Bauhaus-Archiv in Berlin, das die größte weltweite Sammlung (1919–1933) vorhält, startete mit der Ausstellung „New Bauhaus Chicago. Experiment Fotografie und Film“ das erste Projekt in Vorbereitung auf das Jubiläumsjahr 2019. Die Gründung der bedeutendsten Schule für Architektur, Kunst und Design des 20. Jahrhunderts wird in Weimar, Dessau, Berlin und andersorts gefeiert: 100 Jahre.

Anlässlich der Ausstellung ist ein Katalog zum „New Bauhaus Chicago“ im Hirmer Verlag erschienen. Herausgegeben von der Fotohistorikerin Kristina Lowis – sie kuratiert auch die Schau in Berlin – belegt das Standardwerk, dass Hans Maria Wingler schon früh forderte, die Bauhaus-Geschichte in den USA aufzuarbeiten. Wingler war der erste Direktor des Bauhaus-Archivs, das 1960 in Darmstadt gegründet wurde. Er legte die Grundlagen für die Sammlung des Bauhaus-Archivs, das 1971 nach West-Berlin umzog und 1979 ein repräsentatives Gebäude erhielt.

Zwar nimmt die Publikation auch Aktivitäten außerhalb der USA in den Blick, aber Hauptanliegen ist die Entwicklung in den USA, letztlich Chicago. Das „New Bauhaus“ in Chicago konzentrierte sich in den 40er Jahren zunehmend auf die Fotografie – erweiternd wurde Film unterrichtet. Eine Kunstform, die in den 30er Jahren noch nicht diesen Stellenwert am Bauhaus hatte.

Ab 1939 hieß die Schule bereits „American School of Design“ und die Lehrer an diesem Institut hatten unterschiedliche Auffassungen. Moholy-Nagy, der nach seiner Lehrtätigkeit in Deutschland zehn Jahre als freier Fotograf gearbeitet hatte, strebte zwar eine breite Ausbildung wie am Bauhaus an, musste aber Realitäten anerkennen. Moholy-Nagy (1895–1946) warb Drittmittel ein und pflegte Kontakte zur Wirtschaft. Ein Einfluss aus der Schule heraus auf die US-Kultur ist schwerlich nachzuzeichnen und scheint in der Rückschau eher ein Mythos zu sein. Die fotografischen Positionen am „New Bauhaus“ entwickelten sich heterogen.

Dennoch gab es den Begriff „bauhausy“ in den Staaten. Für die Fotografie-Abteilung wurde die Grundkurslehre, die auf Experimenten basierte, noch vom Bauhaus übernommen. Das galt auch am Institute of Design (ID, seit 1944). Das ID ging ab 1949 im Illinois Institute of Technology (IIT) auf, wo das ehemalige „New Bauhaus Chicago“ vor allem als Fotoabteilung weiter arbeitete. In der Publikation sind Beispiele zu sehen, wie das „Cliché Verre“ von Arthur Siegel, das irrwitzige Reaktionen auf einer lichtempfindlichen Glasplatte zeigt.

Fotogramme, Lichtmodulationen (während des Entwicklungsvorgangs) und Mehrfachbelichtungen (mit Bewegungen kombiniert) zählten zum Experimentierfeld der Studenten in Chicago. Der nächste Schritt zum Bewegtbild, zum Film, lag nahe. Fotothemen waren Architektur, Wohn- und Lebensformen, Städte und gesellschaftliche Randgruppen.

Sind in den 40er Jahren noch die Stilrichtungen Neues Sehen und Surrealismus am Institute of Design nachweisbar, wird die eigene Weltsicht und der Existenzialismus für die ID-Angehörigen immer wichtiger.

Von den Lehrern Harry Callahan (ab 1946) und Aaron Siskind (ab 1951) werden Künstler-Fotografen gefördert statt Designer, die vor allem fotografieren wollten. John Grimes berichtet in seinem Aufsatz, dass das ID das erste Masterstudium Fotografie in den USA anbot. Len Gittleman beispielsweise – Abschluss 1954 – visualisierte die Struktur eines Blattes mithilfe eines Fotogramms. Formen der Natur sichtbar zu machen ist eine Arbeitsweise am Bauhaus.

Dass letztlich eine breite Anerkennung ausblieb, hing daran, dass nicht mal das größere Art Institute in Chicago Künstler und Fotografen der Stadt ausstellte. New York blieb das Zentrum für Fotografie. In der Light Gallery im Big Apple konnten Callahan und Siskind ihre Fotografien präsentieren.

In den 60er Jahren gab es sogar Streit am ID, da sich Studenten gegen die Pädagogik und experimentelle Methodik Moholy-Nagys aussprachen. Es verschwanden Originalabzüge und Unterrichtsmaterialien des Künstlers. Davon berichtet Stephen Daiter in seinem Buchbeitrag. Moholy-Nagys Sammlung soll vom Fotografen und Studenten William Larson und einem „Hausmeister“ gerettet worden sein. Das „Hausmeister“-Konvolut erwarben das Museum Folkwang Essen und das Centre Pompidou Paris gemeinsam.

In den 1980er Jahren wurde der experimentelle Ansatz am ID in Chicago verworfen, Absicht und Planung zählten fortan – Theorie und Kritik der Postmoderne.

Kristina Lowis (Hg.), New Bauhaus Chicago. Experiment Fotografie und Film. 208 S., 183 Abbildungen, teils farbig; 39,90 Euro

Ausstellung im Bauhaus-Archiv Berlin: New Bauhaus Chicago.

Bis 5. März; mi-mo 10 bis 17 Uhr; Tel. 030 / 2540020; www.bauhaus.de

Quelle: wa.de

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