Barto und Eschenbach beim Klavier-Festival

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Er ist einer der Menschen, für die das Wort exzentrisch erfunden wurde. Der Amerikaner Tzimon Barto, mit Geburtsnamen Johnny Smith, hat sich seit seinen ersten Schritten auf der Weltbühne Mitte der 80er Jahre neu erfunden, einen Karriereabsturz überstanden, sich als Bodybuilder hervorgetan und in den vergangenen Jahren mit hochsubjektiven Einspielungen von Rameau und Ravel den Weg zurück gefunden. Beim Klavier-Festival Ruhr ist der 47-Jährige regelmäßig Gast. Am Montag spielte er mit Christoph Eschenbach (70), seinem langjährigen Wegbegleiter, im Konzerthaus Dortmund Schumann – ein Programm, das packte, rüttelte, verstörte.

Der Abend hatte eine zutiefst literarische Konnotation: Barto, der Dichterpianist, der daheim in Florida sein literarisches opus magnum „The stelae“ in Granit meißeln lässt, spielte Schumann, romantisches Multitalent, der zu Lebzeiten als Kritiker und Schriftsteller berühmt war, und der in den „Kreisleriana“ einen romantischen Prototypen nachzeichnet: „Kapellmeister Kreisler“, geschaffen von dem ebenfalls schreibenden und komponierenden E.T.A. Hoffmann. Die „Kreisleriana“ waren das verstörende Kernstück des Abends, ein Psychogramm in Nachtfarben.

Barto prunkte mit seiner Pianokultur, mit unerhörten Klangfarben, mit einer über jeden Zweifel erhabenen Technik. Aber er wählte auch extreme Tempi und einen mehr als eigenwilligen Zugang. Rund 40 Minuten brauchte er für die acht Stücke, eine Zeit der Extreme zwischen zum Zerreißen gespannter Passagen, Läufen von zuckender Energie, die er durch Überakzentuierung fast übersteigerte, und einer Langsamkeit, ausgehalten bis zur Atemlosigkeit. Bartos Melodiebögen hatten etwas Sprunghaftes, als stünden sie kurz vor dem Brechen.

Eine Rarität ist eine Aufführung von Schumanns „Andante con variazioni“, das den zweiten Höhepunkt des Abends bildete. Geschrieben ist es für die seltene Kombination zwei Klaviere, zwei Violoncelli und Horn. Für dieses eine Stück kamen die jungen, erst 22-jährigen Cellisten Isang Enders, erster Konzertmeister der Violoncelli der Staatskapelle Dresden, und Mark Schumann, Student von Heinrich Schiff, hinzu, außerdem der erste Hornist der Dresdner, Robert Langbein. Das Quintett horchten tief in das heikel zu spielende Stück hinein und fand zu einer Mischung aus Feinfühligkeit und Emphase.

Die „Sechs kanonischen Studien für Pedalflügel“ überarbeitete Claude Debussy für zwei Klaviere. Barto und Eschenbach durchleuchten ihre Parts bis in die letzten Details – Eschenbachs esoterischer Ansatz und Bartos seltsame Mischung aus Sensitivität und Kraft ergänzten einander vollkommen.

Barto spielte außerdem ein Stück des 30-jährigen Komponisten George King, der mit seinen „Six Etudes“ einen von Barto selbst ausgelobten Wettbewerb gewonnen hat. Jagende, gebrochene Figuren steigerten sich, klangen immer mechanisierter und entwickelten sich zu veritablen Klangclustern – der Versuch einer Klangflächenerschließung.

Den Abschluss machten die Paganini-Variationen in a-moll von Johannes Brahms. Wieder steigerte Barto die virtuosen Stücke durch exzentrische Rhythmik und eigensinnige Tongebung bis in die Besessenheit.

Quelle: wa.de

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