Balthasar-Neumann-Ensemble im Konzerthaus Dortmund

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–In seiner „Schutzengel“-Sonate hat Heinrich Ignaz Biber ein anrührendes Tonbild gefunden: wie Engelsflügel schwebt das Violinthema aufwärts.

Die Verknüpfung von musikalischem und religiösem Gedanken war im Konzerthaus Dortmund zu erleben. Mit dem Schwerpunkt „Marienhymnus“ begann eine Zeitinsel, die sich der Gottesmutter widmet. Das Auftaktkonzert beschrieb der Solist, der 33-jährige italienische Barockgeiger Riccardo Minasi, begeistert als „sopranaturale”. Transzendent wäre die richtige Übersetzung mit Blick auf das Thema: Anrufung und Preis Mariens in vier Jahrhunderten. Motetten und Auszüge aus Messen von Dufay, Desprez und dem wunderbaren Flamen Jacobus Vaet waren Rosenkranz-Sonaten von Biber gegenübergestellt.

Den neun Sängern des Dufay-Ensembles kam der verinnerlichtere Part zu, und doch zeigten sie Freude, sogar Übermut im Gesang, so bei einem durchaus saftigen Tenor-Einsatz im Credo aus Palestrinas Missa regina caeli. In sich gekehrter klang Vaets Salve regina, in dem die mittleren Stimmen die Himmelskönigin als „dulcedo” preisen, unsere Wonne, in absteigenden, melancholischen Linien. In Desprez' Gloria aus der Missa Ave maris stella erhebt sich die Melodielinie des Countertenors über die des Ensembles, beide werden gegeneinander verschoben, so dass ein glockenartiger Klang entsteht. Die neun wunderbar ausgewogen musizierenden Sänger durchmaßen ein Spektrum zwischen Introspektion, Ergebenheit und Jubel, wie in Dufays Alma redemptoris mater, dessen Linien pulsieren.

In den Rosenkranz-Sonaten (1670) hat Biber die Verbindung zwischen notiertem und klingendem Ton außer Kraft gesetzt. Alle bis auf zwei der „Mysteriensonaten“ sind zwar normal notiert, werden aber mit Violinen mit Scordatura gespielt. Diese Umstimmungen des Instrumentes ermöglichen schwierigste Technik und außergewöhnliche Klänge. Die Sonaten sind ungeheure Virtuosenstücke, deren Herausforderungen aber im höheren Dienst stehen müssen. Der Italiener Minasi verlieh ihnen Sinnlichkeit, sogar Humor, eine heitere, gefühlvolle Religiosität. Die „Schutzengel”-Sonate für Violine solo, die dem Zyklus nachgestellt ist, begann er meditativ, mit fast fahlem Ton, steigerte aber sehr schnell die Intensität. Das Thema hat Anmut und Erdferne; Minasi spielte mit Bravour, ohne den Kontext aus dem Auge zu verlieren. Seine Tempi waren durchweg rasch, ohne verhetzt zu wirken; sein Spiel war expressiv – er strich oft sehr kräftig, mit einigen Nebengeräuschen –, aber es funkelte und glitzerte. Noch die tiefsten Tiefen religiösen Gefühls waren bei ihm nicht ganz dunkel. Biber hat für die Sonaten Tanzsätze verwendet, die bei Minasi und seinem Ensemble regelrecht ins Swingen kamen: die Mysteriensonaten als Lob des Lebens.

Das Balthasar-Neumann-Ensemble – üppig besetzt mit Cello, Gambe, Theorbe, Harfe und Posaune sowie alternierend Orgel und Cembalo – stellte Minasi eine reiche Textur zur Verfügung, über der er seine Kunst zeigte. Dialoge des Soloinstruments mit den Begleitinstrumenten traten zurück. Die Spielfreude dieser feinen Musiker schäumte über.

Mit dem Vaet-Magnificat sollte Schluss sein, doch die Musiker hatten sich auf eine Zugabe geeinigt: Bachs letzten Choral „Wann wir in höchsten Nöten sein”, ein intimer Schluss nach dem Glitzern der letzten Sonaten.

Heute zum Abschluss: Marienvesper, 20 Uhr,

Tel. 0231/ 22 696 200, www. konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

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