Balthasar-Neumann-Chor mit Bachs h-moll-Messe in Dortmund

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Olof Boman

Von Edda Breski DORTMUND -  Johann Sebastian Bachs große h-moll-Messe bietet dem Musikfreund das besondere Vergnügen kontroverser Debatten. Bach bediente sich für das zweistündige Werk bei sich selbst, indem er alte Kompositionen überarbeitete.

Es streiten sich die Geister, weshalb er dies tat, und weshalb er, der überzeugte Protestant, eine katholische Liturgie vertonte: um einen geordneten Nachlass zu schaffen, um sein Wirken noch einmal auf die Zukunft auszurichten? Sicher wusste er, dass eine Messe dieser Dimension in keinem Gottesdienst aufgeführt würde und dass das Musizieren von Messen außerhalb des liturgischen Rahmens untersagt war. Noch heute wirkt eine Aufführung der h-moll-Messe, wie jetzt im Konzerthaus Dortmund, der Zeit und dem Ort entrückt. Zu Gast waren Balthasar-Neumann-Chor und Ensemble. Für den grippekranken Gründer und Chef Thomas Hengelbrock dirigierte der schwedische Chorspezialist Olof Boman.

Hengelbrock hat mit seinem Chor eine hochgelobte Einspielung der h-moll-Messe vorgelegt (erschienen 1997 bei der Deutschen Harmonia Mundi). Entsprechenden Erwartungen konnte Boman nicht ganz gerecht werden; der Vergleich war vielleicht auch nicht ganz fair. Zu häufig verschwanden die Mittelstimmen unter dem Druck des Ober- und des Unterbaus. Schwerer wog Bomans etwas steifleinerner Umgang mit dem Rhythmus. Er hielt die Musik im Korsett eines strengen Takts. Im ersten Teil der „Missa“ folgt auf die Danksagung ein Duett auf „Domine Deus“, darauf singt der Chor die Bitte um Erhörung. Die Danksagung wird mit großem Pomp von Orchester und Chor gespielt. Danach wird die Musik zurückgenommen und gibt Raum für das doppelte Duett von Sopran und Tenor und den beiden Flöten. Hier blieb der Rhythmus durchgehend steif, die Anmut des Duetts wurde gebunden, so lieblich die Flöten aufspielen mochten.

Der strengere Chorsatz „Du nimmst hinweg die Sünde der Welt“ braucht diesen beharrlichen Puls eher. Boman löste ihn schließlich zur Arie hin vorsichtig auf, ein zarter Moment, der dem Flehen im Text entsprach. In der Bassarie fanden Sänger, Horn und Fagotte schwer zusammen. Im „Sanctus“ schwangen die Linien wieder.

Auch dynamisch ergaben sich einige Brüche, besonders im Übergang von den schnelleren Fugen. Ein Chor dieser Qualität braucht solche Effekte nicht: Die Sänger agierten differenziert bis ins kleinste Piano, mit so austarierter Dynamik, dass sie ein Forte eigentlich nicht benötigten. Ihre Diktion war glasklar, ihre Stilsicherheit und Wandelbarkeit beeindruckend, etwa der Einsatz der Tenöre im Kyrie: Sie bewegten sich stilistisch ins Spätmittelalter.

Aus den eigenen Reihen stammten die einfühlsamen Solisten, allen voran der Altus Alex Potter, der dem „Agnus Dei“ Tiefe und zugleich sinnliche Qualität gab.

Die Instrumentalsolisten, besonders die ausgezeichneten Holzbläser, vereinten Feuer und Präzision im Spiel nicht minder als ihre Vokalkollegen.

Das Konzert wird auch am 6.12. in der Philharmonie Essen aufgeführt. Tel. 02 01/812 22 00, www.philharmonie-essen.de.

Quelle: wa.de

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