Bach und mehr: Interview mit Pianist David Theodor Schmidt

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David Theodor Schmidt ▪

DORTMUND ▪ Der Pianist David Theodor Schmidt hat gerade eine hoch gelobte Bach-CD mit Partiten und Orgelwerken in der Bearbeitung von Franz Liszt herausgebracht (Edition Hänssler). Am Sonntag spielt er in Dortmund. Elisabeth Elling hat mit ihm gesprochen.

Herr Schmidt, Ihre CDs kreisen vor allem um Bach. Woher kommt diese Vorliebe?

Schmidt:Meine Eltern sind Theologen, da wird man mit Bach irgendwie konfrontiert. Aber es ist ja keine Musik, die unbedingt Kinder anspricht, und auch nicht Pubertierende, dafür ist sie auf der Oberfläche nicht aufwühlend genug. Als ich so 18, 19 war, habe ich einige Aufnahmen gehört, auch von den großen Chorwerken, h-Moll-Messe und solche Sachen. Da habe ich bewusst wahrgenommen, wie viel in dieser Musik steckt. Wie viel Tiefe und Spiritualität. Es ist in hohem Maße komplexe Musik, aber nicht aus Selbstzweck. Dazu kommen die Emotionalität, keine Frage, und die Spiritualität. Diese Kombination fasziniert mich.

Ihre Musik klingt sehr gelassen. Sogar dann, wenn Sie eines dieser wuchtigen Orgelwerke in der Bearbeitung von Franz Liszt spielen. Wie kommt das?

Schmidt: Mmh. Ich sag‘ mal so, es gibt Werke wie Schumanns „Kreisleriana“, die sich emotional in ein Fieber begeben, und ich denke, dass ich das dann als Pianist auch tue. Aber Bach hat für mich immer etwas Gelassenes, das ist ein gutes Wort. Das steigert sich nicht in einen Rausch oder in Verzweiflung, sondern bewahrt Würde.

Wie analytisch ist Ihr Zugang zu einem Werk?

Schmidt:Gar nicht so sehr. Ich denke, die Polyphonie bei Bach lockt einen, einfach in die Strukturen einzutauchen. Aber danach erschließt man sich dann interpretatorische Freiräume.

Die nehmen Sie sich gewissermaßen schon dadurch, dass Sie auf einem modernen Flügel spielen. Wie ist Ihre Haltung zur Historischen Aufführungspraxis?

Schmidt: Gespalten. Ich glaube, sie hat die Musiker auf ganz Wichtiges hingewiesen: sich die Zeit zu vergegenwärtigen und wegzukommen von einem dicken, romantisierenden Klang. Aber was sie für mein Gefühl oft außer Acht lässt, ist das Emotionale.

Am Sonntag in Dortmund spielen Sie Mozart.

Schmidt:Das ist auch ungeheuer faszinierende Musik, ganz schlicht und doch unglaublich berührend. Gerade das G-Dur-Konzert KV 453, das hat überhaupt keinen Showeffekt und ist so ergreifend. Das hat Mozart auf eine einzigartige Weise vollbracht.

Stichwort „Showeffekt“: Sie sind 1982 geboren und gehören damit zum gleichen Jahrgang wie ihre Kollegen Yundi Li und Lang Lang. Wie positionieren Sie sich ihnen gegenüber auf dem Klassikmarkt? Ihr Repertoire ist ja ein wahres Kontrastprogramm.

Schmidt: Wobei es mir nicht darum geht, unbedingt anders sein zu wollen. Es ist einfach so: Ich habe die Musik relativ spät entdeckt und so viel gefunden, mit dem ich mich auseinandersetzen will. Mich da in Werke zu schmeißen nur, weil sie sehr viele Noten in sehr wenig Zeit unterbringen, meinetwegen Liszt, Ungarische Rhapsodien oder so etwas: Das interessiert mich nicht. Ich hab‘ natürlich im Laufe der Zeit die eine oder andere virtuose Sache gespielt. Ich weiß, dass ich das kann, und das ist auch ein gutes Gefühl. Aber ich muss es niemandem beweisen. Ich möchte einfach das machen, wofür ich meinen Beruf so sehr liebe.

Wie kamen Sie denn zum Klavierspielen?

Schmidt: Unterricht hatte ich mit sieben. Ich war da erst mal nicht so interessiert, hab‘ vielleicht meine zehn Minuten am Tag geübt. Das ging so, bis ich etwa 13, 14 war. Die Klavierlehrerinnen haben sich an den Kopf getippt und gesagt: Mein Gott, ist der Junge begabt, aber er übt nicht! Dann kamen einige Dinge zusammen. Wir waren bei Verwandten in den USA, die ein wunderbares Instrument hatten. Und obwohl ich noch keine ausgeprägten pianistischen Möglichkeiten hatte, gab es doch so eine Ahnung. Ich bin etwas später selber auch an ein sehr schönes Instrument gekommen und bin ich immer tiefer in die Materie eingedrungen. Ab einem gewissen Punkt war dann die Frage, ob man Berufsmusiker sein will, keine Frage mehr, sondern ein Muss. Weil die Liebe zu dieser Sache so groß geworden war, dass ich mir gar nichts anderes vorstellen konnte.

Schreiben Sie deswegen die Texte Ihrer CD-Booklets selbst? Um zu vermitteln, was Sie bewegt?

Schmidt: Jeder hat einen persönlichen Zugang zur Musik, ich auch. Da weise ich gern darauf hin, was mir an einem Werk und an der Programmzusammenstellung wichtig ist. Darüber mache ich mir ja schließlich Gedanken, und es wäre schade, wenn es einfach unterginge.

Welches Publikum wünschen Sie sich? Oder machen Sie auf dem Podium einfach Ihr Ding?

Schmidt: Die schönsten Erlebnisse sind die, wenn man die Leute wirklich bewegt. Vor ein paar Jahren habe ich Brahms gespielt, op. 118, das klingt ganz leise aus. Und dann war erst einmal Stille. Ich glaube, dass gerade die Musik, mit der ich mich auseinandersetze, einen wirklich – auch wenn das jetzt kitschig klingt – in eine bessere Welt entrücken kann. Und wenn die Leute einen Augenblick brauchen, aus dieser Welt zurückzukommen, dann weiß man, dass man sie so erreicht hat, wie man sich das wünscht.

Im Konzerthaus Dortmund spielt Schmidt mit dem Mendelssohn Kammerorchester Leipzig Mozarts Klavierkonzert G-Dur KV 453. so, 11 Uhr,

Tel. 0231/ 22 696 200, http://www.konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

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