Axel Prahl und Jan Josef Liefers im neuen „Tatort“: „Hinkebein“

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Das schmeckt nicht: Boerne (Jan Josef Liefers) wird vom Zuhälter Kock (Wolfram Koch) bedroht. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Plötzlich ist der Spaß vorbei. Da spürt Professor Boerne den Lauf einer blinkenden Waffe im Mund. Und der Zuhälter, der wegen eines Mordes gesucht wird, fragt, warum der Pathologe ihm die Tat untergeschoben hat. „Hinkebein“, so der Spitzname des wütenden, gehbehinderten Kriminellen, sucht Rache. Oder?

Der Mord im 21. Münster-„Tatort“ kommt für Kommissar Thiel wie eine Erlösung. Eigentlich soll er einer Delegation von Partner-Polizisten aus dem sibirischen Chabarowsk die Methoden deutscher Kriminalisten erklären, die ihm der stets gutgelaunte Pressesprecher Hausner stets im unpassenden Moment ins Büro führt. Dafür aber hat der kantige Ermittler ebenso wenig übrig wie für den Opernbesuch und den westfälischen Abend, den Staatsanwältin Klemm zum Pflichttermin ernennt. Als Straßenfeger eine nackte Frauenleiche finden, fühlt Thiel sich erlöst: „Ich bin raus aus dieser Völkerverständigungsnummer.“

Nicht zum ersten Mal hängt hier alles mit allem zusammen. Boerne ist persönlich verwickelt in den Fall. Mit der Toten war er einst liiert. Am Tag vor ihrem Tod hat sie ihn um 1000 Euro angebettelt für ausstehende Miete. Katja Braun war einst Polizistin und mit Hinkebeins Fall befasst, doch dann wurde sie wegen ihres Alkoholproblems entlassen. Hat der Zuhälter Heinz Kock sie ermordet? Oder ist ihr Ex-Mann in den Fall verstrickt, der Fleischfahrer einer Großmetzgerei? Und welche Rolle spielt ihre hochbegabte Tochter Marie Braun, die etwas zu wissen scheint?

Boerne fürchtet gleichfalls Kocks Rache und heuert Thiels Vater als Bodyguard an, der den „coolen Job“ freilich ganz entspannt mit laufendem Taxameter, lauter Musik und einem Joint erledigt. Mit fatalen Folgen.

Regisseur Manfred Stelzer und das Autorenteam Stefan Cantz und Jan Hinter treiben ihre Helden durch ein Gewusel aus Slapstick, Behördensatire und Thriller. Man merkt ihnen die Lust am eingespielten Duo Boerne/Thiel an. Wenn Kock Boerne in die Mangel nimmt, zitiert der Film ebenso Thriller-Muster wie bei der Schießerei im Parkhaus. Aber die Verfolgungsjagd nimmt Thiel sehr münstertypisch barfuß in Unterhose auf – und seinen Verdächtigen stellt er in einem Kino, bei laufender Vorstellung, in der gerade seine Assistentin Nadeshda Krusenstern mit einem attraktiven russischen Polizisten sitzt.

Der eigentliche Mordfall kommt relativ spät in Fahrt. Trotzdem schaut man mit Vergnügen zu. Nicht nur, weil Axel Prahl und Jan Josef Liefers sich so perfekt die Pointen zuspielen. Liefers beichtet seine Liaison mit dem Opfer, während er sie knochenknackend seziert. Es sei zum Äußersten gekommen, erklärt er spießig, „ja, ich bin ein Mann aus Fleisch und Blut“, und hämisch kichert Silke Haller, Boernes kleinwüchsige Assistentin.

Der Film verbindet auf eine hinreißende Art Lokalkolorit mit spröden Brechungen. Da legt die Wirtin des „Westfälischen Hofs“ Thiel die „Töttchen“ als örtliche Spezialität ans Herz („Da machen Sie nichts verkehrt“). Im nächsten Moment entdeckt ganz beiläufig der indische Koch einen Einbruch im Kühlraum. Keine Chance für Heimattümelei. Oder Thiels Gespräch mit der frühreifen Marie Braun im Internat, während die sich die Schuluniform mit sehr kurzem Faltenrock anzieht, bei denen Prahl und die großartige Michelle Barthel weit über den Text einer Befragung hinausgehen. Diese szenische Präzision sorgt dafür, dass die Geschichte dieses Ermittlerteams immer noch nicht auserzählt ist.

Sonntag, ARD, 20.15

Top-Quote

Regisseur Manfred Stelzer drehte mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers den meistgesehenen „Tatort“ des letzten Jahrzehnts für die ARD: „Spargelzeit“ fesselte 10,49 Millionen Zuschauern. Das Drehbuch kam von Jürgen Werner, der dem neuen „Tatort“-Team in Dortmund die ersten beiden Fälle schreibt.

Quelle: wa.de

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