Zum Tod des Ausstellungsmachers Jan Hoet

+
Jan Hoet

Von Ralf Stiftel HERFORD/GENT - Er hat die Weltkunstschau gerockt. Die documenta 9 in Kassel 1992 war klar aufs breite Publikum orientiert. Der belgische Kurator Jan Hoet hatte keine Angst vor T-Shirts mit Werbeaufdrucken, vor dem Spektakel: Er ließ Boxkämpfe veranstalten. Und doch stand die Kunst im Zentrum. Neben der populären Skulptur „Man walking to the Sky“ von Jonathan Borowsky, die zum neuen Wahrzeichen der Stadt wurde, gab es sperrige und provokative Arbeiten von Marina Abramovic, Wim Delvoye, Louise Bourgeois. Die Schau lockte mehr als 600 000 Besucher an, Rekord. Jetzt ist Jan Hoet im Alter von 77 Jahren in Gent gestorben.

Der promovierte Kunsthistoriker, 1936 in Leuven geboren, leitete seit 1975 Museen in Gent, zuletzt das Stedelijk Museum van Hedendagse Kunst (S.M.A.K.). Und schon lange vor der documenta fand er neue, packende Formen der Präsentation, die moderne Kunst an ein breites Publikum vermittelte. Legendär und später oft kopiert wurde seine Genter Schau „Chambres d’amis“, bei der er 1986 Kunstwerke in Privatwohnungen ausstellte. Noch die Biennale für Lichtkunst in Unna, Bergkamen, Hamm im Kulturhauptstadtjahr 2010 bezog sich direkt auf dieses Projekt.

Hoet war ein Meister der Vermittlung, der das Publikum direkt ansprach. Er verankerte die documenta in der Stadt Kassel. „Seit 1992 ist die documenta ein Projekt der ganzen Stadt Kassel und dafür sind wir Jan Hoet zu großem Dank verpflichtet“, sagte der Documenta-Aufsichtsratsvorsitzende, Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD). Der „Man walking to the sky“ sei zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden „und wird in unserem Gedächtnis immer mit Jan Hoet verbunden bleiben“.

Hoet übernahm auch die Leitung des neuen Museums Marta in Herford. Das 2005 eröffnete, 30 Millionen Euro teure Haus, entworfen von Stararchitekt Frank O. Gehry, bekam unter ihm als Gründungsdirektor ein klares Profil. Noch sein Nachfolger Roland Nachtigäller profitiert von dem Konzept, auf anspruchsvolle Themenausstellungen zu setzen. Damit hatte Hoet sich über die Vorstellungen der beteiligten Möbelindustrie hinweggesetzt, die auf ein Präsentationsfeld für ihre Produkte gehofft hatten. Das Marta aber war unter dem streitbaren Direktor Hoet ein Forum für die Avantgarde. Gleich in der ersten Schau wurden Arbeiten des norwegischen Künstlers Bjarne Melgaard als jugendgefährdend indiziert. Auch später widmete sich Hoet seinen „private heros“, die er in der Eröffnungsausstellung zeigte. Dazu gehörten die „Outsider“, Künstler aus der Psychiatrie, aber auch Provokateure wie der polnische Künstler Zbigniew Libera, der ein KZ aus Legosteinen konzipierte, oder der Belgier Wim Delvoye, der eine Maschine baute, die den menschlichen Verdauungsprozess kopiert. Bequem war Hoet für Herford nicht. 2008 hätte er gern seinen Vertrag verlängert, aber nach zähen Auseinandersetzungen um das Budget des Museums musste er gehen.

Hoet war ein großer Kommunikator, einer, der für Kunst brannte und seine Leidenschaft zu übertragen wusste, ein Show-Master. Auch nach seinem Ausscheiden in Herford kuratierte er noch große Ausstellungen, zum Beispiel 2009 das Projekt „Colossal“ im Osnabrücker Land, das an die Varus-Schlacht erinnerte.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare