Ausstellung „Wider Napoleon!“ über die Befreiungskriege auf Schloss Cappenberg

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Unvollendet: Sebastian Weygandt (1790-1836) stellte sein Porträt von Napoleon im Krönungsornat 1813 nicht mehr fertig.

Von Elisabeth Elling Selm - „Napoleon“ steht groß und ausladend unter der Urkunde vom 3. März 1809, geschrieben mit schwarzer Tinte und breitem Federkiel. Ein bisschen ist er also anwesend auf Schloss Cappenberg, wo eine Ausstellung über seine Vertreibung zu sehen ist: „Wider Napoleon!“ Die Schau, die aus Lüdenscheid nach Selm kommt, dokumentiert die Geschichte der Grafschaft Mark unter der französischen Herrschaft ab 1806 bis zu den Befreiungskriegen 1813/15.

Die westfälische Region lag weitab der aufgeregten Zeitläufte und Schlachtfelder. Sie gehörte jetzt zum Großherzogtum Berg, einem Satellitenstaat Napoleons vom Emsland übers Ruhrgebiet bis tief ins Rheinland. An Ruhr und Lippe war der Kaiser nie. Doch rund 200 Exponate zeigen, wie vielfältig die Mark mit der großen Geschichte verbunden war.

Musterbücher von Iserlohner Fabrikanten sind aufgeschlagen: Angelhaken, Nägel, Nähnadeln, daneben bunt gewirkte Borten und Bänder. Es waren Geschenke für Napoleon, denn er sollte sein Reich für die vorzüglichen Waren öffnen. Überhaupt erwartete das Bürgertum wirtschaftlichen Aufschwung und soziales Fortkommen, wenn der Code Civil endlich Gewerbefreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und den Schutz des Eigentums verbriefen sollte.

Solcher Optimismus dürfte Gisbert von Romberg gefallen haben. Der Dortmunder Adlige wurde 1809 Präfekt des neuen Ruhrdepartements, das auch die Grafschaft Mark umfasste. Sein Porträt gibt – mit zahlreichen anderen Gemälden – den vielen Veränderungen in so kurzer Frist ein Gesicht.

Romberg musste zwischen der Franzosen und den Westfalen vermitteln, die Napoleon (je nach Interessenlage) Optimismus, Argwohn und Ablehnung entgegenbrachten. Doch die Stimmung in der Bevölkerung verschlechterte sich bald. Ihre Steuern sollten Napoleons Feldzüge finanzieren, Tausende wurden eingezogen, um in Russland und Spanien zu kämpfen. Der Maler Francisco Goya hat die „Schrecken des Krieges“ an der Front bei Saragossa 1810 nachzuzeichnen versucht: verstümmelte Leiber, Metzeleien, Verzweiflung. Ein Dutzend Blätter ist ausgestellt. Hier kämpften auch Männer aus der Mark. Im gleichen Raum sind Koffer aufgeklappt: ein Amputationsbesteck mit scharf gezackter Säge und weiteres Arztwerkzeug für Schädelöffnungen.

Dass die Einberufung ein Himmelfahrtskommando bedeutete – von 1800 in Spanien eingesetzen großherzoglichen Soldaten starben laut Kurator Georg Eggenstein mindestens 800 –, sprach sich schnell herum. Junge Männer flohen vor der „Konskription“, und Rombergs Departements-Beamte fahndeten nach Deserteuren. Aus Werne stammt ein „Signalement“ für Johann Heinrich Möller, geboren 1775 in Seppenrade, der 1809 abgetaucht war.

Zahllose Soldaten zogen über den Hellweg: 1812 gen Osten für den Russland-Feldzug. Anfang 1813 kehrten die Überlebenden zurück. Dann kamen Russen, die Napoleon nachsetzten. Das 6. Russische Jägerregiment quittierte im Februar 1814 dem Kamener Bürgermeister den Empfang von 60 Rationen Pferdefutter. Ein wertloses Formular, denn wer sollte – vorausgesetzt, er entzifferte den kyrillischen Text –, den Schaden ersetzen? Tatsächlich seien außerdem 176 Rationen „verabreicht“ worden, notierte der empörte Beamte.

Da war es schon wieder vorbei mit Napeleons Glanz, der kurz auch in Westfalen aufgeleuchtet war. Büsten und monumentale Bilder ließ der Herrscher von sich fertigen. Französischer Geschmack wurde schick, der Empirestil gab Vernunft und Fortschritt eine Form. Porzellantassen mit amphorenartigen Henkeln oder antikisierende Reliefs am Eichensofa – damit schmückten auch in Westfalen Bürger und Adlige ihre Salons. Modebewusstsein und Widerstand gegen Napoleon vertrugen sich gut: Sogar Königin Luise trug die flatterigen Empirekleider, die nur unter der Brust locker geschnürt waren.

Die Gattin des zögerlichen Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. war auch in Westfalen populär; ihr Vorbild spornte die Frauen der Oberschicht zu erstem gesellschaftlichen Engagement an. Ihrer Schwägerin Marianne von Preußen gelang mit „Gold gab ich für Eisen“ ein Propaganda-Coup: Schmuck wurde gegen Preziosen aus Eisenguss und Stahl getauscht. Verschiedene Stücke sind ausgestellt: Eine Schmetterlingsbrosche oder ein mattgrauer Haarhalter wurden zum politisch korrekten Accessoire und zum Statement „Wider Napoleon!“. Vaterländische Frauenvereine entstanden in Altena, Halver, Kamen, Lüdenscheid, Meinerzhagen, Soest und Dutzenden anderen Städten.

Einer der hartnäckigsten Gegner Napoleons lebte später auf Schloss Cappenberg: Freiher vom Stein. Der preußische Staatsbeamte musste als „Feind Frankreichs“ quer durch Europa fliehen. Die Engländer halfen 1812 mit einem falschen Pass. Das Dokument für „Karl Frucht“ ist zu sehen wie ein Silberbecher aus Napoleons Besitz. Dieses Beutestück aus der Schlacht von Waterloo schickte ihm ein preußischer General im November 1815 nach dessen endgültiger Niederlage. Die Quadriga, die Napoleon 1806 vom Brandenburger Tor hatte abmontieren und nach Paris verfrachten lassen, thronte schon wieder in der peußischen Hauptstadt. Ihre Rückkehr nach Berlin war ein vaterländischer Triumphzug, der durch die Grafschaft Mark führte, durch Kamen, Unna, Hamm und Soest. Auf den Cappenberger Fluren steht eine Nachbildung.

„Für König und Vaterland“ war die Parole auf den Gedenktafeln, die in Kirchen an die Gefallenen der Befreiungskriege erinnerten. Das Andenken an die Soldaten, die für Napoleon gekämpft hatten, verblasste hingegen. Das galt auch für die Freiheits- und Fortschrittshoffnungen. Stattdessen ließen sich märkische Adlige mit ihren Kriegsorden porträtieren, um auf die Restauration ihrer Macht zu pochen. Carl Wilhelm Freiherr von Bodelschwingh-Plettenberg etwa posierte 1826 vor seinem Wasserschloss Heeren, neben ihm sein Hund, treu ergeben.

„Wider Napoleon!“ Bis 21.9., di – so 10 – 17.30 Uhr;

Tel. 02306 / 711 70

www.kulturkreis-unna.de

www.napoleon-luedenscheid.de

Begleitbuch 25 Euro

Quelle: wa.de

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