Die Ausstellung „Verführt von Landschaft“ in der Städtischen Galerie Paderborn

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Naturidyll mit Brechungen der Moderne: Walter Ophey zeichnete das Blatt „Im Sauerland“ 1928.

Von Ralf Stiftel PADERBORN - Die kargen Stämme inszeniert Maurice Denis zu einem Rhythmus in Rosé-Tönen. Sie schlängeln sich in gleichmäßigen Abständen empor, brechen damit die horizontalen Streifen der Beete und der gelben Mauer. Der „Obstgarten in der Einsiedelei“ (um 1892) macht aus einem Stück gestalteter Natur ein Spiel von Farben in der Fläche.

Das Werk des französischen Malers ist in der Ausstellung „Verführt von Landschaft“ zu sehen, die die Städtische Galerie in der Reithalle Schloss Neuhaus in Paderborn zeigt. Man kann hier einen Querschnitt durch die Entwicklung der Landschaftsmalerei vom Barock bis ins 20. Jahrhundert erleben. Die Ausstellung nutzt die Gelegenheit, dass das Clemens-Sels-Museum in Neuss zur Zeit geschlossen ist. Das 1912 gegründete Haus wird saniert. Rund 70 Kunstwerke gehen auf Reisen. Die Paderborner Galerie hat schon häufiger mit dem Clemens-Sels-Museum Ausstellungen erarbeitet. Auch diesmal werden nicht bloß die Leihgaben vom Rhein präsentiert. Museumsdirektorin Andrea Wandschneider ergänzte die Schau um Stücke aus der eigenen Sammlung, zum Beispiel Blätter des westfälischen Expressionisten Peter August Böckstiegel und eine Serigraphie von Gerhard Richter.

Die Schau bietet keine durchgehende Chronologie, keinen geschlossenen Themenbogen. Stattdessen findet man kleine Werkgruppen, die besondere Schwerpunkte der Neusser Sammlung verdeutlichen, zusammengebunden durch das Thema Landschaft. Das beginnt mit den niederländischen Barockmeistern. Die großen Namen wie Cuyp, van Goyen, Ruysdael fehlen. Aber wie anmutig lässt Joost Cornelisz. Droochsloot seine „Schlittschuhläufer im Stadtgraben“ (1622) über das Eis gleiten, wie sicher setzt er einen Baum und etwas Schatten als Rahmen in den Vordergrund und führt den Blick in die eisig-blaue Ferne, auf wuchtige Stadtmauern und den typisch niederländisch niedrigen Horizont. Dagegen fühlt man sich in Anton Mirous „Waldlandschaft mit fahrenden Händlern“ (1604/1627) wie in einem Dschungel, so fantastisch überwuchert das Gestrüpp die Felsen, und der rote Vogel könnte glatt ein Papagei sein.

Gegenüber hängen Bilder einer anderen Epoche, fünf italienische Landschaften des deutschen Romantikers Johann Wilhelm Schirmer, viel weniger detailverliebt, stattdessen geprägt von einem raffinierten Spiel mit dem einfallenden Licht. Drei Radierungen des belgischen Künstlers James Ensor zeigen eine andere Weise, an die alten Meister anzuknüpfen: Seine „Schlittschuhläufer“ (1889) haben den gleichen niedrigen Horizont, sind fein ausgearbeitet und erzählerisch. Aber sie scheinen die alten Vorbilder zu parodieren, denn praktisch die ganze Gesellschaft ist gestürzt oder torkelt dem Sturz entgegen.

Ein kleines Kabinett bietet einige Beispiele japanischer Holzschnitte, unter anderem von Hiroshige. Von diesen Werken, die die europäische Moderne so beeinflussten, besitzt Neuss einen umfangreichen Bestand. Diese Prägung findet man wunderbar wieder in Emil Orliks Gouache „Ein alter Garten in Kyoto“ (1900). Der gebürtige Prager gehörte zu den ersten Künstlern, die das Land bereisten und die Inspiration nicht nur in den Werken suchten. Das Hochformat spielt auf faszinierende Weise mit den unterschiedlichen Farbwerten zwischen Grün und Braun.

Die Kunst des Post-Impressionismus ist mit wenigen, aber prägnanten Stücken vertreten, neben dem Bild von Maurice Denis sieht man Èmile Bernards Gemälde „Die Ernte von Saint-Briac“ (1889), es folgen zwei pointillistische Werke von Johan Thorn Prikker und Jan Toorop. Dann folgt der rheinische Expressionismus mit Bildern von Heinrich Campendonk, Heinrich Nauen, Helmuth Macke, Walter Ophey, Christian Rohlfs. Diese Werke feiern die Farbe, sei es in Campendonks „Garten in der Moerserstraße“ (um 1908), sei es in Nauens „Landschaft mit Holzstoß“ (1911). Ophey ist mit der delikaten Farbkreide-Zeichnung „Im Sauerland“ (1928) vertreten, wo er das ländliche Idyll schon mit einem mächtigen Überleitungsmast konterkariert.

Dann muss der Besucher umschalten: Mehr als ein Dutzend Bilder stammen von „naiven“ Künstlern, deren Arbeiten ebenfalls einen Sammelschwerpunkt in Neuss bilden. Vor der „Mühle am Fluss“ (1928) von Camille Bombois versteht man vielleicht, warum diese Laienkunst die Surrealisten wie Breton, Dalí, Picasso so beeindruckte: Der französische Maler, der zunächst Boxer und Hilfsarbeiter war, unterlegt seine Komposition mit geometrischen Elementen wie vom Reißbrett und inszeniert klare Farben zu einem kräftigen Akkord.

Bis 15.6., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251/ 88 10 76, www.paderborn.de/kultur, Katalog 15 Euro

Quelle: wa.de

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