Die Ausstellung „Van Gogh im Borinage“ im Beaux-Arts Mons

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Aufgeladen mit malerischer Energie: Vincent van Gogh greift im Gemälde „Die Grabenden“ 1889 noch einmal seine Kopie nach Jean-Francois Millet auf, die er schon 1880 gezeichnet hatte.

Von Ralf Stiftel MONS - Fest stehen die beiden „Grabenden“ in ihren Holzschuhen. Der Boden unter ihnen aber vibriert vor Energie, weil Vincent van Goghs energische Pinselstriche den Acker in eine Folge von rhythmisierten Farblinien verwandeln. Und der Himmel erst – ein Sturm in Blau.

Die Arbeitswelt faszinierte den holländischen Maler. Speziell die Bilder des Franzosen Jean-Francois Millet inspirierten van Gogh immer wieder. Die „Grabenden“ von 1889 sind im Beaux-Arts Mons (BAM) zu sehen, in der Ausstellung „Van Gogh im Borninage – Geburt eines Künstlers“. Die belgische Stadt ist Kulturhauptstadt Europas 2015, die Schau gehört zu den Glanzlichtern im Programm. Zugleich markiert die Präsentation den Auftakt zum Van-Gogh-Jahr: Vor 125 Jahren starb der Maler.

Man kann dem künstlerischen Leiter von Mons 2015 nicht vorwerfen, dass er nur auf den schnellen Publikumserfolg schielt. Zum einen, weil van Gogh zwei wichtige Jahre in der Region lebte und wirklich hier die Künstlerkarriere begann. Und außerdem, weil die Ausstellung mehr ist als bloß eine Ansammlung populär Bilder. Das Frühwerk van Goghs, um das es hier hauptsächlich geht, kennt noch nicht die glühenden Farben des reifen Meisters. Hier finden sich stattdessen Grautöne zuhauf.

Van Gogh (1853–1890) stammte aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Er wollte zunächst Pfarrer werden wie sein Vater, aber mehrere Ausbildungen brach Vincent ab. Das Borinage im belgischen Hennegau, dem wichtigsten Kohlerevier Europas im 19. Jahrhundert, bot eine letzte Chance. Hierher zog van Gogh im Dezember 1878 als unbezahlter Prediger. Er fasste den Glauben sehr eigenwillig als geradezu wörtliche Nachfolge Jesu auf. Er wollte das arme Leben der Bergarbeiter teilen. Er lernte das Leben in der von Kohlestaub gesättigten Luft kennen, in schäbigen Eckkneipen und engen Häusern. Auch hier scheiterte van Gogh – und wandte sich auf den Rat seines Bruders Theo hin wieder der Kunst zu. Gezeichnet hatte er ohnehin die ganze Zeit: Arbeiter, die Kohlehalden, die Hütten, die Anlagen.

Kurator Sjaar van Heugten, langjähriger Sammlungsdirektor des Van-Gogh-Museums in Amsterdam, stand vor der Schwierigkeit, dass von dieser üppigen Produktion kaum etwas erhalten ist. Der selbstkritische Künstler hat fast alle Werke dieser Zeit vernichtet. Ein Blatt immerhin kann van Heugten zeigen, das brav ausgeführte kolorierte Panorama „Kokerei im Borinage“ (1879) mit rauchenden Schloten, unbestelltem Acker im Vordergrund, einer Halde rechts.

Er sei froh, wieder zu zeichnen, hat van Gogh seinem Bruder geschrieben, der ihn zeitlebens mit Geld unterstützte. Vincent kopierte wie besessen. Millets „Grabende“ findet man in zwei gezeichneten Fassungen von 1880 wieder. Die Komposition unterscheidet sich nur in Kleinigkeiten vom Gemälde. Aber es fehlt die energetische Aufladung. Man sieht van Gogh, der kein Naturtalent war, beim Üben. Und in diesen zwei Jahren sammelt der Künstler einen Motivvorrat, von dem er bis in seine letzten Jahre zehrt.

Das gibt der Ausstellung auch ihre Berechtigung, die rund 90 Bilder zeigt, davon rund 80 von van Gogh, und zwar aus allen Werkphasen. Bis kurz vor seinem Tod griff er immer wieder auf die Bauerndarstellungen von Millet zurück. Der „Säher“ (1890) wird ihm zur Ikone des Landarbeiters, und obwohl er die Haltung des Vorbildes fast sklavisch beibehält, löst sich seine Fassung vom Realismus – nicht zuletzt, weil er die Lokalfarben aufgibt, ein vibrierendes Blaugrau benutzt.

Hütten und Häuschen hat er im Borinage kennen gelernt. Einen Raum widmet die Schau allein diesem Thema, von den Bemühungen, ein Gebäude möglichst wirklichkeitsgetreu wiederzugeben wie in der Zeichnung vom „Magros Haus“ (ca 1879-80) über die dunkeltonigen, von der Haager Schule geprägten kleinen Gemälden (1883) bis zum grandiosen späten Gemälde „Straße in Auvers-sur-Oise“ (1890), wo er Partien der Leinwand im Himmelsbereich frei ließ, wo er im Vordergrund die Farbe in dicken Schuppen von Grün, Gelb, Braun aufsetzte und wo er zwar Bauwerke zeigt, aber zugleich die Farbe zum Tanzen bringt.

So bewundert man den weiten Weg, den van Gogh zurücklegte, von den unbeholfenen Zeichnungen zu den Charakterköpfen auf dunklem Hintergrund, bei dem der Betrachter Enge und Schäbigkeit mitdenkt. Eine Serie thematisiert Weber am Webstuhl. Werke von Zeitgenossen wie Eugène Boch und Constantin Meunier zeigen, dass van Gogh in seinen Themen nicht originell war. Aber die Farben, die er am Ende fand, die gehören nur ihm.

Bis 17.5., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0032/ 65/ 40 53 30, www.mons2015.eu,

Katalog (fr/en/nl) 39 Euro

Quelle: wa.de

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