Ausstellung zu US-Regisseur Martin Scorsese

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Kleine Korrektur am Detail: Martin Scorsese mit Asa Butterfield bei den Dreharbeiten zu „Hugo Cabret“.

BERLIN ▪ Für die Kuratoren der Deutschen Kinemathek in Berlin muss es wie ein Ausflug ins Paradies gewesen sein: Eine Woche lang durften sie mit der Assistentin Martin Scorseses in dessen Privatarchiv in New York stöbern. Was Kristina Jaspers und Nils Warnecke aus dieser Schatztruhe hervorkramten, bildet das Zentrum einer sehr intimen Sicht auf Leben und Schaffen des Regisseurs. Von Klaus Grimberg

Die Ausstellung im Museum für Film und Fernsehen am Potsdamer Platz ist eine Würdigung Scorseses zu dessen 70. Geburtstag im November – um knapp zwei Monate verspätet, bedingt durch Hurrikan Sandy. Diese Verzögerung ist angesichts der vielen persönlichen Arbeitsunterlagen und Briefe, Originalkostüme und Erinnerungsstücke verzeihlich. Die Schau ist in thematischen Blöcken um diese Funde gruppiert, in denen elementare Motive von Scorseses Werk aufgegriffen werden: „Familie“, „Brüder“, „Männer und Frauen“, „Lonely Heroes“ und „New York“.

Besonders aufschlussreich sind die Drehbuchauszüge und von Scorseses selbst gezeichnete Storyboards. Sie belegen, mit welcher Akribie der Regisseur seine Filme vorbereitet. Jede Einstellung, jeder Blickwinkel, jede Kamerafahrt ist exakt vorausgeplant, nichts bleibt dem Zufall überlassen. Wer sich ein bisschen in den Filmen Scorseses auskennt, der wird manche entscheidende Szene aus „Mean Streets“, „Raging Bull“ oder „New York, New York“ anhand der filigranen Skizzen erkennen.

Ungeheuer atmosphärisch wirken zudem die vielen originalen Set- und Szenenfotos von Brigitte Lacombe. Auf ihnen sind Genauigkeit und Disziplin, die Scorsese sich und seinen Schauspielern abverlangt, geradezu greifbar. Es scheint so, als habe der Regisseur eine Vision seines Films bereits im Kopf, bevor überhaupt die erste Szene gedreht ist. Dieser Vision versucht er im Schnittraum so nahe wie möglich zu kommen.

Dabei vertraut Scorseses seit Jahrzehnten einem kleinen Team enger Mitstreiter, mit denen er immer wieder zusammenarbeitet – allen voran der Cutterin Thelma Schoonmaker, die seit „Raging Bull“ (1980) alle seine Filme geschnitten hat. Eine enge Beziehung verbindet Scorsese bekanntlich auch mit dem deutschen Kameramann Michael Ballhaus, der seit Mitte der 80er mehr als ein halbes Dutzend seiner Filme fotografierte, darunter „Good Fellas“, „Gangs of New York“ und „The Departed“. Auch Ballhaus hat einige Stücke beigesteuert. Zudem kommentieren er und Scorsese auf dem hörenswerten Audioguide einige Exponate.

Die Berliner Ausstellung würdigt nicht nur den Regisseur, sondern auch den Cinéasten Scorsese. Seine persönliche Sammlung zur amerikanischen Filmgeschichte beinhaltet viele seltene Filmplakate klassischer Hollywood-Filme, von denen er etliche ebenfalls nach Berlin ausgeliehen hat. Ende der 70er Jahre initiierte er einen Appell an den Konzern Eastman Kodak, um eine technische Lösung für die längere Haltbarkeit von Farbfilmkopien zu entwickeln. 1990 schließlich gründete Scorsese mit Kollegen wie Steven Spielberg oder Stanley Kubrick in New York „The Film Foundation“, die sich für den Erhalt des internationalen Filmerbes einsetzt.

Natürlich ist auch Scorsese Liebe zur Musik ein eigenes Kapitel gewidmet. Wie kaum ein anderer Regisseur versteht er es, im Schnitt Bilder und Sound zu einem Gesamtkunstwerk zu komponieren. Ein ganz besonderer Schatz in der Ausstellung ist die erste Plattensammlung von Singles des jungen Martin Scorsese, mit einer sorgsam angefertigten Liste der Songs und ihrer Interpreten – manche von ihnen sollten in seinen späteren Filmen wieder auftauchen. Dass Musik immer auch ein Stück Zeitgeschichte spiegelt, hat Scorsese in seinen eindringlichen Dokumentationen zu Bob Dylan oder George Harrison herausgearbeitet, sein Konzertfilm „Shine a Light“ mit den Rolling Stones ist eine Verneigung vor den Helden seiner Jugend.

Die Berliner Ausstellung ist die weltweit erste zu Martin Scorseses Leben und Wirken. Trotz der Fülle der rund 600 Exponate erhebt sie keinen Anspruch auf umfassende Vollständigkeit. Sie wirft stattdessen einige Schlaglichter in den Kosmos eines Regisseurs, der zu wichtigen Erneuerern des amerikanischen Kinos in den 70er und 80er Jahren zählte.

Martin Scorsese. Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen in Berlin, bis 12.5., di – so 10 – 18, do 10-20 Uhr;

http://www.deutsche-kinemathek.de

Quelle: wa.de

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