Ausstellung über Dichter im Ersten Weltkrieg in Oelde

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Zupacken und stöbern erlaubt: In den Taschen an der Wand in Oelde stecken Texte zum Weltkrieg.

Von Ralf Stiftel OELDE - Unbehaglich fühlt man sich zwischen all den olivgrünen Zeltplanen. Wie in einem Unterstand. Dann sieht man, dass die Wände Taschen haben. Darin stecken Zettel, Botschaften ins Irgendwo. Man greift sich ein Blatt und liest: „Ihr Lieben Lieben! … Es ist unendlich viel Tod in mir Tod und Tod. In mir weints und außen bin ich hart und roh. Ich habe jemanden begraben, ich weiß nicht wo und wenn er sich doch mal regt, dann geb ich ihm eine Maulschelle und dann flattert er wieder in seinen Winkel.“

Tiefe Erschütterung klingt aus dem Brief, den der Lyriker und Offizier August Stramm am 6. Oktober 1914 an Nell und Herwarth Walden schrieb. Und schon steckt man mitten in der Ausstellung „1914: text und krieg – krieg und text“ des Museums für Westfälische Literatur in Oelde-Stromberg. Das ganze Haus Nottbeck wird als Spielfläche genutzt. Der Bühnenbildner Jeremias Vondrlik hat schon im Hof des alten Guts Panzersperren errichtet. Von ihm stammt auch die Gestaltung der Ausstellungsräume. Über originale Objekte verfügt das Haus nicht. So setzt man auf die suggestive Inszenierung, um einen Beitrag zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg zu leisten.

17 Millionen Menschen starben zwischen 1914 und 1918. Unter ihnen waren auch zahlreiche Künstler und Schriftsteller. Viele bejubelten den Kriegsausbruch, erhofften sich von ihm ein „reinigendes Gewitter“. Andere fanden angesichts ihrer Erfahrungen neue Positionen und neue Ausdrucksformen.

Drei führende Autoren der Zeit aus Westfalen sind mit Texten über ihre Fronterfahrungen in der Schau vertreten. August Stramm, der 1874 in Münster geboren wurde und 1915 an der Ostfront im heutigen Weißrussland fiel, war einer der konsequentesten Expressionisten. Er verknappte seine Texte aufs Äußerste, fand neue Worte und baute ungewöhnliche Sätze. In einer Tasche des Ausstellungsraums findet man „Sturmangriff“: „Aus allen Winkeln gellen Fürchte Wollen / Kreisch / Peitscht / Das Leben / Vor / Sich / Her / Den keuchen Tod / Die Himmel fetzen. / Blinde schlächtert wildum das Entsetzen.“ Der Bruch mit den sprachlichen Konventionen entspricht den Erfahrungen von Tod und Gewalt des Kriegs.

Stramms Texten begegnet man auch im Gartenhaus in einer Videoinstallation. Dietmar Bär, Schauspieler und Kölner „Tatort“-Kommissar Schenk, steht in schlichtem Schwarz vor dem Mikrophon und interpretiert die Kriegsgedichte so, dass sie mit Leben erfüllt werden. Dazwischengeschnitten sind Visualisierungen von Studenten der Universität Paderborn.

Neben Stramm begegnet man auch Gustav Sack und Paul Zech. Sack, 1885 in Schermbeck am Niederrhein geboren, studierte unter anderem in Münster, zog dann nach München, um Schriftsteller zu werden. 1914 verweigerte er zunächst den Kriegsdienst, ging aber später doch an die Front. 1916 fiel er in Rumänien. In einem Brief vom November 1914 an seine Frau schreibt er zunächst vom Dreck im Schützengraben („wir sehen aus, buchstäblich wie die Säue“), dann davon, dass er „so langsam, dann und wann, … an der Sache Spaß“ gewinne, und dann wieder erwähnt er seine „Mordsangst, daß meine Erdhöhle nachts über mir zusammenbricht“. Kein bisschen Heldentum findet sich da, stattdessen die Verunsicherung eines sensiblen Menschen, den es in den Tötungsbetrieb gezogen hat.

Zech (1881–1946) überlebte den Krieg, den er zunächst begrüßt hatte. Sein höchst wechselhafter Lebenslauf, den er zudem selbst immer wieder umgeschrieben hat, ist hier nicht annähernd wiederzugeben. Er wurde in Krieg zum Pazifisten, sein Tagebuch publizierte er 1919.

In der Ausstellung gibt es noch einen Kellerraum, in dem man eine Feldliege findet und unter der Beschallung von fernem Kanonen- und Granatendonner weitere Texte entdecken kann.

Die anregende Schau verbindet auf gelungene Weise die Präsentation literarischer Texte mit sinnlichen Erfahrungen.

Bis 11.5., di – fr 14 – 18, sa, so 11– 18 Uhr, Tel. 02529/94 55 90, www.kulturgut-nottbeck.de

Quelle: wa.de

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