Ausstellung „Things Are Queer“ im Marta Herford

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Giorgio De Chiricos „Cocomeri con corazze e paesaggio“ (Melonen mit Rüstung und Landschaft, 1924) ist in Herford zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ HERFORD–Laut dröhnt die Musik. Auf zwei Leinwänden sieht man US-Wahlkampf. Links lächelt uns ein Herr mit grauen Schläfen entgegen – Patrick Hill, „writer, professor, diplomat“.

Rechts redet uns eine attraktive Blondine ins Gewissen, das Potenzial der großen Nation auszuschöpfen – Patricia Hill. Spätestens bei den beinahe identischen Namen stutzt der Besucher des Museums Marta in Herford: Diese Präsidentschaftskandidaten sind noch mehr inszeniert als in den Nachrichten. Hier spielt der italienische Künstler Francesco Vezzoli „Democrazy“, Demokratie verrückt. Beide Filme wurden von Experten der Wahlkampfteams von Bush und Clinton mitgestaltet. Aber die Kandidaten sind die Schauspielerin Sharon Stone und der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy. All die Posen mit Soldaten in der Menge, am Schreibtisch, mit erhobenen Armen zeigen bloß ihre Austauschbarkeit.

Vezzolis Installation, 2007 bei der Biennale von Venedig vorgestellt, ist in der Ausstellung „Things Are Queer“ zu sehen. Die subversive Kritik am politischen System der Führungsmacht des Westens stammt aus dem Besitz einer internationalen Großbank. In Herford wird erstmals in Deutschland die Sammlung UniCredit vorgestellt. Der italienische Finanzkonzern, zu dem auch die deutsche Hypovereinsbank gehört, besitzt 60 000 Kunstwerke von archäologischen Schätzen über Altmeistermalerei bis zu Gegenwartskunst. Man findet darin keinen Geschmack abgebildet wie bei einem privaten Sammler. Die Kollektionen entstanden ja über einen längeren Zeitraum, sind von angestellten Fachleuten entwickelt. Sie sollen vor allem die Räume der Angestellten angenehmer gestalten, heißt es. Vieles ist als Leihgabe dauerhaft in Museen zu sehen. Aber als geschlossener Bestand ist es hierzulande noch nicht gezeigt worden.

Das Team um Museumsdirektor Roland Nachtigäller hat rund 100 Werke ausgewählt. Obwohl der Untertitel der Schau „Highlights“ verspricht, wurden nicht einfach gesicherter Positionen angehäuft. „Things Are Queer“ – der Titel stammt von einer Fotoserie des US-Künstlers Duane Michals von 1973. Jede Szene erscheint im folgenden Bild neu, das Badezimmer wird zum Modell, das wird zum Foto in einem Buch und so weiter. Dass die Dinge seltsam sind, das erzählt die Ausstellung in fünf Themenräumen. Da geht es darum, dass der Dadaist Kurt Schwitters in seinen kleinen Collagen Zeitungsschnipsel, eine Zigarettenpackung und Kinokarten als visuelle Werte einsetzt. Der Bildhauer Tony Cragg stellt eine verbeulte blaue Blechschüssel auf ein Podest und wiederholt ihren Umriss, indem er ein Mosaik aus blauen Plastikabfällen an der Wand dahinter montiert. Pierpaolo Campanini konstruiert aus Holz, Stoff und Schnüren ein ungelenkes Objekt, das er in Öl malt, als wäre es eine Kostbarkeit.

Immer wieder ergeben sich so Verunsicherungen. Zum Beispiel vor dem Foto von Luigi Ghirri, das nur ein Nichts zu zeigen scheint, einen gelben und einen braunen Streifen. Doch dann entdeckt man die Schrift und die Fliege. Thomas Demands Fotos scheinen banale Dinge zu zeigen. Doch der „Campingtisch“ (1999) ist kein wirklicher Tisch, sondern das Foto eines aus Pappe gefertigten Modells. Hier geht es nicht um Urlaub, sondern um die Rekonstruktion des Kellers, in dem der entführte Millionen-Erbe Jan Philipp Reemtsma 33 Tage lang eingekerkert war. Die meisten Kunstwerke in der Ausstellung sind eher leise. Aber sie reißen zuweilen große Themen auf.

Dabei findet der Besucher durchaus große Namen. Das fängt an mit dem ergreifenden Gemälde der von Amor verlassenen Psyche des italienischen Renaissancemeisters Dosso Dossi (um 1525). Der Frauenakt bleibt allerdings ein Einzelstück. Sonst umfasst die Schau Werke des 20. und 21. Jahrhunderts. Dabei findet man einen blauen Schwamm von Yves Klein und Blumen von Andy Warhol in der Abteilung „Merkwürdige Gewächse“. Die hoch gehandelten deutschen Maler sind dabei, von Gerhard Richter bis Neo Rauch. Namhafte Fotografen sind vertreten, die Bechers mit einem Ensemble von Fördertürmen aus dem Ruhrgebiet, Andreas Gursky und Thomas Struth. Italienische Maler wie Giorgio de Chirico und Giorgio Morandi werden begleitet von Werken hierzulande weniger prominenter Zeitgenossen wie Carlo Carrà und Antonio Donghi. Erschreckend aktuell wirken zwei Aufnahmen des japanischen Fotografen Ryuji Miyamoto vom großen Erdbeben in Kobe 1995.

Dazu passt eine zweite Ausstellung: „That's Me“, eine Präsentation von fotografischen Selbstporträts. Da findet man Cindy Sherman in fiktiven Filmrollen, Jürgen Klaukes radikal Geschlechterrollen hinterfragende Inszenierungen und das wunderbare Bild „Ensemble“ (2006), bei dem Martin Liebscher ein ganzes Sinfonieorchester auf einmal verkörpert.

Things Are Queer bis 22.5., Katalog, Kerber Verlag Bielefeld, 32 Euro, That's Me bis 8.5., Katalog, Kerber, 22 Euro. di – so 11 –18 Uhr, Tel. 05221 / 99 44 300, http://www.marta-herford.de

Quelle: wa.de

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