Ausstellung „Picasso sieht fern!“ in Münster

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Das hat er dem Fernsehen abgelauscht: Picassos Radierung „Hollywood-Monumentalfilm, mit Zuschauern“, zu sehen im Picasso-Museum Münster.

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Im Spätwerk von Pablo Picasso (1881–1973) tummeln sich verschiedenste Gestalten: Musketiere und Ritter, Clowns und Ringkämpfer, Akrobatinnen und sogar eine Rothaut. Die „Suite 347“, eine Folge von Radierungen von 1968, steckt zudem voller Action-Szenen: Fluchten, Degengefechte, rollende römische Streitwagen.

Die meisten Kunsthistoriker führen Picassos Motive auf Vorläufer zurück. Er bediente sich bei Velázquez, Rembrandt, El Greco, heißt es. Dabei gab es noch eine Inspirationsquelle, wie die Ausstellung „Picasso sieht fern!“ im Picasso-Museum Münster verrät. Der Maler saß vor der Glotze – und ließ das Gesehene in seine Bilder einfließen.

Die Ausstellung wurde von Laurence Madeline für das Musée d’art et histoire in Genf. Sie gefiel dem Münsteraner Museumsdirektor Markus Müller so, dass er sie übernahm – und im Anschluss wird sie im Picasso-Museum in Málaga gezeigt. Rund 60 Arbeiten, überwiegend Radierungen aus der sehr seltenen Suite 347, zeigen die Wechselwirkung zwischen dem Fernsehen und dem Genie. Besonders reizvoll: Zwischen den Blättern hängen Bildschirme, auf denen Szenen aus den Sendungen laufen, die Picasso wahrscheinlich gesehen hat.

Leider hat man nicht die Programmzeitschrift mit den angestrichenen Filmen, sagt Müller. Aber manchmal fällt der Einfluss sofort ins Auge. Zum Beispiel bei dem Blatt „Langgliedriger Maler mit Frauen“ (11. Mai 1968). Die Dame am rechten Bildrand hat Picasso einer populären Mantel-und-Degen-Serie entnommen, „Jean de la Tour Miracle“. Die auffällige Langhaar-Frisur mit eim eingesteckten Band ist unverkennbar. Andere Blätter mit Verfolgungsjagden und Degenzweikämpfen weisen ebenfalls deutliche Parallelen zu der Serie auf. Obwohl Degengefechte ja auch in „Zorro“ vorkommen, einem weiteren Lieblingsfilm Picassos.

Auf der Spur war schon die Kunsthistorikerin Brigitte Baer, die vor rund 20 Jahren am Werkverzeichnis mitwirkte und die einige Blätter schon damals entsprechend betitelte: „Fernsehen: Quäker, Rothaut und Kunstreiterin“ (26. September 1968). Aber erst jetzt wurde für die Schau im Institut national d’audivisuel (ina) Paris, um die Programme aufzuspüren, die Picasso gesehen haben kann. Hinzu kommen Aussagen von Verwandten und Freunden. Daher weiß man, dass Picasso sich gern Übertragungen vom Catchen anschaute und die Zirkusshow „La Piste aux Étoiles“. Das oben erwähnte Blatt mischt die Motive, setzt neben das Personal aus dem Wildwestfilm noch die Akrobatin.

Muss man nun die Kunstgeschichte revidieren? Eher nicht. Das Fernsehen ersetzt ja nicht die Bezüge auf die Kunstgeschichte, sondern tritt zu Rembrandt, Manet, Renoir. Aber das Bild vom zurückgezogen lebenden Eremiten Picasso, das muss man schon überdenken. Der Künstler hat die Glotze zwar nicht ins Haus geholt. Das war seine Frau Jacqueline, die einen Zeitvertreib brauchte für die langen Phasen des Meisters im Atelier. Aber er reagierte doch sehr intensiv auf das neue Medium. In einem Blatt porträtiert er die Familie seines Druckers Crommelynck im Atelier mit feinen dünnen Weißlinien in schwarzem Grund. Auf der Staffelei sieht man eine weiß leuchtende Fläche, kein Bild, sondern ein Bildschirm.

Selbst die Zeitgeschichte fließt in seine Werke ein. Oft indirekt, da werden aus den Demos der 68er Umzüge in einer Szenerie, die sich an der französischen Revolution orientiert. Aber manchmal findet man auch direkte Übertragungen. Eine Karikatur zeigt Präsident de Gaulle mit nacktem Unterleib vor zwei Frauen. Angeregt wurde das böse Blatt offenbar von der Neujahrsansprache des Politikers, die an der Wand gegenüber flimmert.

Bis 18.5., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0251/ 41 44 710,

www.picassomuseum.de,

Katalog, DruckVerlag Kettler, Bönen, 26,90 Euro

Quelle: wa.de

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