Ausstellung „Picasso – Im Atelier des Künstlers“ in Münster

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Konzentriert bei der Arbeit: Picassos Bild „Der Maler, Büste im Profil“ (1967), zu sehen in Münster. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ MÜNSTER–Wie eine Mondsichel spannt sich der Kopf des Künstlers über die ganze Höhe des Bildes. Beide Augen stehen übereinander. Er tupft gerade einen Flecken auf die Leinwand, exakt fixiert Picasso in seinem Gemälde von 1967 diese Geste. Das Malen füllte viel Zeit im Leben des spanischen Meisters. Wen wundert es, dass er diese Momente oft zum Thema seiner Kunst erhob?

Das Graphikmuseum Pablo Picasso in Münster feiert seinen 10. Geburtstag mit der Ausstellung „Im Atelier des Künstlers“. Museumsdirektor Markus Müller erinnert daran, dass der Künstler nur wenigen Auserwählten Zugang zu seinem von kreativem Chaos geprägten Arbeitsraum gewährte. Der Besucher genießt nun – vermittelt durch die Gemälde, aber auch durch Fotos – das Privileg, in diesen „intimsten Raum“ Picassos zu gelangen.

Rund 130 Werke belegen die Intensität, mit der sich der Maler mit seinem Künstlertum auseinander setzte. Darunter sind Leihgaben aus dem Center Pompidou in Paris, dem Picasso-Museum in Barcelona, vor allem aber von der Familie, die rund 60 Exponate beisteuerte. Darunter sind echte Raritäten wie das noch nie öffentlich ausgestellte Gemälde „Der Maler (Velazquez)“ von 1967 und die Skulptur „Frauenkopf“ (1957) aus Blech. Picasso hatte sie mit Wasserfarbe bemalt, und der Sockel rostet, so dass kein Museumskonservator einer Ausleihe zugestimmt hätte. Die Familie leistet sich Großzügigkeit. Verankert ist die Schau im eigenen Bestand des Hauses. So sieht man das aus Paris entliehene Gemälde „Das Atelier“ (1955) zwischen Lithografien des gleichen Motivs, und der Vergleich der verschiedenen Medien offenbart einiges von der seriellen Arbeitsweise des Künstlers. Es gibt auch „Berührungsreliquien“ wie einen Hocker mit Malutensilien, die er in den 50er Jahren benutzte, und eine ganze Reihe von Paletten. Eine davon ist vom Künstler datiert und wurde benutzt für seine Variation von Manets „Frühstück im Freien“. Da freut sich der Kunsthistoriker: Vielleicht verrät ihm das Pappstück mit den getrockneten Farbresten ja etwas.

Wie buchstäblich sich Picasso beim Malen entblößte, zeigt eine Fotoserie des amerikanischen Fotografen David Douglas Duncan von 1957: In Shorts, mit nacktem Oberkörper steht er an der Staffelei, so, wie er sich auch in Zeichnungen darstellt.

Das älteste Werk der Schau stammt aus dem Jahr 1903: In der kleinen Federskizze „Picasso par lui même“ stilisiert er sich zum „Maleraffen“ mit Pinseln hinter den Ohren und langem Schwanz, ein Motiv, das schon in der Barockkunst beliebt war. In einer Wachskreidezeichnung von 1959 bleibt er dem Motiv treu, diesmal zeigt er den Maler als grünen Pavian vor der Staffelei. Einerseits also entfaltet Picasso einigen Witz bei dem Thema. Gerade im Spätwerk aber spitzt er es auch existenziell zu. Da bedeutet jedes vollendete Bild auch einen Triumph der Schöpferkraft über das Alter. Picasso greift die alten Meister auf, Rembrandt, Velazquez, Ingres, und wenn er ihre Atelierszenen in seine Bildsprache übersetzt, dann schlüpft er auch in ihre Rolle. Jeder Maler in diesen Bildern ist vor allem auch Picasso. Und es kann kein freudianischer Zufall sein, dass die Palette mit dem Bündel erigierter Pinsel so oft vor dem Bauch des Malenden platziert ist. Diese visuelle Doppeldeutigkeit zeigt, wie sehr für Picasso die künstlerische Potenz mit der sexuellen zusammen steht. In den Blättern der Suite 347 (1968) spielt er mit einem Motiv von Ingres, der 1814 Raffael und sein Modell in keuscher Umarmung malte. Bei Picasso wird daraus eine deftige Nummer im Atelier, geschildert mit der Drastik japanischer Holzschnitte.

Picasso war ein fleißiger, ja unermüdlicher Arbeiter. Das ideale Bild suchte er in immer weiteren, immer neuen Variationen, und auch dafür zeigt die Schau Beispiele. Die Arbeit aber bedeutete für den Künstler offenbar mehr als fortwährende Mühe. Auf vielen Zeichnungen sehen wir den Maler, Picasso, an der Staffelei. Lächelnd.

Im Atelier des Künstlers. Graphikmuseum Pablo Picasso in Münster, bis 21.11., di – so 10 – 18 Uhr.

Tel. 0251/ 41 44 710

http://www.graphikmuseum.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 29,80 Euro

Zusätzlich zu den Werken Picassos sind Arbeiten zeitgenössischer Künstler zum Thema zu sehen, von Christo bis Fischli / Weiss.

Quelle: wa.de

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