Ausstellung „Krieg und Trauma“ im belgischen Museum „In Flanders Fields“

+
Schweres Leiden, nüchtern präsentiert: Das Foto des Soldaten ist im Museum „In Flanders Fields“ in Ypern zu sehen.

Von Ralf Stiftel YPERN - Ein tiefes Loch klafft in der Flanke des Soldaten. Auch am Unterarm, den die Krankenschwester stützt, trägt er eine Verletzung. Aber seine Augen sind offen auf den Betrachter gerichtet, in die Kamera, die die Szene aufnahm. Blut fließt keins. Zeige deine Wunde: Die Akteure nehmen Haltungen ein wie in einem Altarbild des Mittelalters. Die Fotografie aus dem Ersten Weltkrieg richtet den Blick auf einen bislang wenig beachteten Aspekt der Völkerschlacht. Sie bedeutete nicht nur einen Wendepunkt in den Techniken des Tötens. Sie brachte auch große Fortschritte in der Heilkunst.

Von diesen Veränderungen handelt die Ausstellung „Krieg und Trauma“ im Museum „In Flanders Fields“ im belgischen Ypern. Sie beleuchtet die Entwicklung der medizinischen Versorgung zwischen 1914 und 1918. Auf die industrielle Kriegsführung war man 1914 nicht vorbereitet. Es gab weder bei den Alliierten noch bei den deutschen Truppen genug Krankenwagen und Personal. Freiwillige waren gefragt. Viele Verfahren, die heute selbstverständlich sind, wurden erst in diesem Krieg entwickelt, seien es Bluttransfusionen in großem Maßstab, Desinfektionstechniken, Amputationen, plastische Chirurgie. Von alldem berichtet die Schau mit Originalobjekten, Fotos, Dokumenten und Inszenierungen.

1914 begann der Krieg noch im Stil des 19. Jahrhunderts. Aber der Fortschritt kam schnell, mit neuen Waffen und neuen Strategien. Beim Grabenkrieg in Flandern wurden 80 Prozent der Verwundungen durch Artilleriefeuer verursacht. Die Granatsplitter schlugen furchtbar in den Körper. In einer Abteilung der Ausstellung sieht man Fotos, die zur Wand gedreht aufgehängt sind. Eine Schutzmaßnahme. Die Verletzten, die auf ihnen abgebildet sind, sehen furchtbar aus, Gesichter mit klaffenden Löchern zum Beispiel, in denen Zähne frei liegen. In Vitrinen liegen durchbohrte Stahlhelme.

Die Verletzungen und die Arbeitsbedingungen an der Front erforderten neue Behandlungstechniken. Französische Chirurgen entwickelten eine „Amputation en saucisson“, eine „Wurst-Amputation“. Bei gebrochenen Gliedmaßen entfernten sie zunächst die gesplitterten Knochen und das verletzte Gewebe und ließen die umgebenden, unverletzten Weichteile unangetastet. Nach einem ersten Heilungsprozess folgte dann eine zweite Amputation dieser Teile, um zum Beispiel einen Stumpf zu schaffen, auf dem eine Prothese ansetzen konnte.

Auch die plastische Chirurgie machte Fortschritte. In einem Hörstück kommt der britische Soldat Jimmy Tanky Taylor zu Wort, der in seiner Voreingenommenheit alle deutschen Kriegsgefangenen hässlich findet und einen ganz besonders. Der Wächter fordert diesen „Fritz“ auf, „seine Fotos“ zu zeigen. Nach einer schweren Verletzung hatte der Mann kein Gesicht mehr. Das hässliche Antlitz war das Ergebnis deutscher Chirurgenkunst. Und dem beschämten Taylor wird klar, dass „dieser schrecklich verwundete Mann monatelang Schmerzen und Höllenqualen ausgestanden hatte, nur um zusammengeflickt und zurück an die Front geschickt zu werden...“

Nicht nur die körperlichen Wunden waren zu behandeln. Ein neues Phänomen war der „Schützengrabenschock“, die Traumatisierung. In der dritten Flandernschlacht gab es 5000 Fälle von Soldaten, die wegen Nervenleiden abtransportiert wurden, 500 von ihnen wurden behandelt wegen „Schützengrabenschocks“. Den Militärs fehlte das Verständnis für solche Leiden, oft sah man die Betroffenen als Drückeberger an. Die Schau dokumentiert den Fall des britischen Unterleutnants Eric Skeffington Poole. Er kam als Deserteur vor Gericht – und wurde zum Tode verurteilt, obwohl sein Brigadegeneral für ihn eintrat, eine Kommission ihn als dienstuntauglich bezeichnete. Die Heeresführung wollte ein Exempel statuieren.

Andere waren glücklicher, wie der Belgier Achille van Sassenbrouck (1886–1979), der 1915, als vielversprechender junger Künstler, schwer verletzt wurde. Der Flame verlor die Sehkraft auf dem linken Auge. Aber er malte weiter, ging 1917 sogar als Kriegskünstler erneut an die Front. Einige seiner Werke sind in der Schau zu sehen.

Es ist die unheroische Seite des Krieges, die diese Ausstellung eindringlich vermittelt. Hier werden die Opfer gezeigt. Und die verzweifelten Versuche der oftmals ehrenamtlichen und freiwilligen Helfer, die Leiden zu lindern. Man sieht Feldausrüstungen mit Schmerzmitteln, Bestecke für Bluttransfusionen, Gasmasken, Amputationssägen, sterilisierten Seidendraht, Notlampen. Und man sieht eine lange Reihe aufgestellter Tragen. Ihre grauen, vergilbten Stoffflächen sind fleckig. Sie waren getränkt vom Blut und anderen Körperflüssigkeiten der Verwundeten und Sterbenden, die auf ihnen transportiert wurden. Man sieht nachgebaute Feldbetten, wie in einem mobilen Lazarett. Man sieht Puppen mit Schwesterntrachen oder Arztkitteln. Es ist eine intensive Inszenierung, die dem Besucher eine neue Vorstellung davon geben kann, was ein Held ist. Am ehesten waren es wohl die verzweifelten Namenlosen, die unter Granatenfeuer versuchten, Leben zu retten.

Das Museum ist in der alten Tuchhalle von Ypern untergebracht, es wurde 1998 eröffnet. Das gewaltige Gebäude, eines der größten weltlichen Bauwerke des Mittelalters, war wie die komplette Stadt durch deutsches Artilleriefeuer zerstört worden. Nach dem Krieg hatte Winston Churchill vorgeschlagen, die Ruinen zu erhalten als Mahnmal. Die Stadt wurde trotzdem wieder aufgebaut. Das Museum setzt auf modernste interaktive Technik. Der Besucher bekommt ein Armband, mit dem er an verschiedenen Infostationen Daten, Texte, Filme in verschiedenen Sprachen, auch in Deutsch, abrufen kann. Die Darstellung des Krieges ist dabei bemerkenswert überparteilich, bedenkt man den Umstand, dass Deutschland in das neutrale Belgien unter Bruch des Völkerrechts einmarschiert war.

Krieg und Trauma im Museum In Flanders Fields, Ypern, Belgien. Bis 30.6., bis 31.3. di – so 10 – 17, ab 1.4. tägl. 10 – 18 Uhr, Tel. 0032/ 57 / 239 220, www.oorlogentrauma.be,

Katalog (nl. / engl.) 29,95 Euro

Parallel zeigt das Museum Dr. Guislain in Gent „Soldaten und Psychiater“, eine Schau über Traumatisierung im Krieg von 1914 bis zur Gegenwart.

Allg. Info: Tourismus Flandern, Köln, 0221 / 270 97 70

www.flandern.com

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare