Ausstellung „Gone To Croatan“ im Dortmunder U

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Wo sind sie? Hubert Czerepoks Arbeit „Die Norm der verlorenen 50 Mikrogramm“. ▪

Von Marion Gay ▪ DORTMUND–Das kann ja nicht gut gehen: Der Mann sitzt auf einem Stuhl oben auf dem Satteldach. Nur ein kurzer Moment, dann kracht er mitsamt Stuhl in den Garten. Das Video „Der Sturz I. Los Angeles“ (1970) zeigt den Künstler Bas Jan Ader, bevor er während einer als Kunstaktion geplanten Atlantik-Überfahrt endgültig verschwand.

Mit der großartigen internationalen Ausstellung „Gone to Croatan – Strategien des Verschwindens“ bespielt der Hartware MedienKunstVerein (HMKV) erstmalig die Wechselausstellungsetage im Obergeschoss des Dortmunder U. Der Titel bezieht sich auf eine geheimnisvolle historische Nachricht: Die ersten europäischen Siedler in der Neuen Welt verließen ihre Siedlungen mit der Notiz „Gone to Croatan“ („Sind bei den Croatan“). Die Croatan waren ein indianisches Volk, das in der Nähe der Siedlung lebte. Da die Europäer nie wieder gesehen wurden, ging man davon aus, die Indianer hätten sie umgebracht. Es gibt allerdings Aufzeichnungen über grünäugige Indianer, die einen Massenmord in Frage stellen. Eine dritte Hypothese besagt, dass die Siedler in eine andere Dimension gereist seien.

Die beeindruckende Schau der polnischen Kuratoren Robert Rumas und Daniel Muzyczuk wurde 2009 im Centre of Contemporary Art in Torun erstmalig gezeigt und wird in Dortmund in erweiterter Form als Austausch für eine im letzten Jahr in Polen gezeigte HMKV-Ausstellung präsentiert. Die mehr als 30 künstlerischen Positionen setzen sich mit dem Thema des Verschwindens auseinander. Zu sehen sind Videos, Fotografien, Künstlerbücher, Installationen und Skulpturen rund um das Verlorengehen von Personen, Identitäten und Dingen.

Geschützt unter zwei Glasglocken ist ein Klötzchen ausgestellt („Die Norm der verlorenen 50 Mikrogramm“, 2011). Mit dieser Arbeit bezieht sich Hubert Czerepok auf eine Meldung, die lautet, dass der im Internationalen Büro für Maß und Gewicht bei Paris aufbewahrte Kilogrammprototyp an Gewicht verloren hätte. Es ist weniger, als ein Sandkorn wiegt, aber genug, um die Wissenschaftler zu irritieren. Wohin mag das Gewicht verschwunden sein?

Fragen wirft auch die Arbeit „Reise nach Russland auf der Suche nach Witkacy“ von Jacek Kryszkowski auf. Witkacy galt als einer der originellsten polnischen Künstler, bevor er 1939 vermutlich Selbstmord beging. Kryszkowski machte sich 1985 in die damalige Sowjetunion auf, um das Grab zu suchen. Er fand ein paar Knochen, die er zu Mehl zerrieb und in 100 Tütchen unters Volk brachte. Zu sehen ist eine Karte vom Fundort der Leiche zusammen mit Fotografien und einem der Knochenstaubtütchen. Der Künstler wollte mit der provokanten Aktion bewirken, vor ein Gericht gestellt zu werden, aber die kommunistischen Behörden ignorierten seine Tat. Vielleicht, weil sie in Wahrheit nie stattgefunden hat?

Wer sich alle Videos ansehen möchte, benötigt fast vier Stunden. Zu den Highlights zählen die Filme des Schweizer Künstlerduos Fischli & Weiss, die in „Der geringste Widerstand“ (1981) und „Der rechte Weg“ (1983) der Stadt und allen kulturellen Gewohnheiten zu entfliehen versuchen, um in der Natur die ursprüngliche Freude in der Musik zu finden.

Unheimlich ist auch die Installation von Sebastian Buczek, der aus Holz oder Glas gebaute Schallplatten mit Wachs oder Schokolade überzieht, sodass sie sich beim Abspielen auflösen. In Dortmund sitzt seine mechanische Puppe Jan neben einem Plattenspieler und gibt mit Kopfnicken den Takt vor.

Meist erzählen die Arbeiten weitschweifige Geschichten, die häufig unter die Haut gehen, wie zum Beispiel die mehrteilige Arbeit „Planescape“ (2009) von Zbigniew Liberia und Robert Rumas, die dem polnischen Bildhauer Marek Kijewski (1955 – 2007) gewidmet ist. Ausgestellt ist etwa eine E-Mail von Kijewski, die auf dem Server verloren ging und erst zwei Jahre nach Tod des Künstlers beim Adressaten eintraf. Jetzt klingt der Text wie eine geheimnisvolle Botschaft aus dem Jenseits: „…mach, was du für richtig hältst, Robert, der Instinkt ist wichtig …“

bis 14.8., di, mi 10 – 18,

do, fr10 – 20, sa, so 11 – 18 Uhr, Tel. 0231/ 49 66 420,

http://www.hmkv.de

Quelle: wa.de

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