Ausstellung der „geretteten Götter von Tell Halaf“ in Berlin

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Die Basalt-Figuren von Löwen in der Ausstellung „Die geretteten Götter aus dem Palast von Tell Halaf“ in Berlin. ▪

Von Klaus Grimberg ▪ BERLIN–27 000 Bruchstücke aus Basaltgestein! Ein gigantisches antikes Puzzle lagerte jahrzehntelang in einem Keller des Berliner Pergamonmuseums. Anfang der 90er Jahre wurden die 3000 Jahre alten Fragmente wiederentdeckt. Dabei handelte es sich um die Überreste der legendären Sammlung, die der Abenteurer, Orientforscher und Sammler Max Freiherr von Oppenheim (1860-1946) Anfang des 20. Jahrhunderts im Norden Syriens zusammengetragen hatte.

Oppenheim, Spross der Kölner Bankiersfamilie, ist eine schillernde Figur der archäologischen Forschung. Der studierte Jurist pfiff auf eine Karriere im elterlichen Bankhaus und gab sich ganz seiner Begeisterung für den Vorderen Orient hin. Auf ausgedehnten Reisen und zeitweilig im diplomatischen Dienst in Kairo lernte er Sprache und Kultur der arabischen Welt kennen und lieben. Bereits 1899 entdeckte er den Siedlungshügel Tell Halaf in Syrien, für den er sich die Grabungsrechte sicherte. Nach Ende seiner diplomatischen Tätigkeit konnte er zwischen 1911-1913 in einer aufwändigen Expedition einen alten Fürstensitz mit spektakulären Palästen, Gräbern und Grüften freilegen. Es sollte bis 1927 dauern, bis ein Großteil der Funde nach Berlin kam.

Verhandlungen mit den Staatlichen Museen, die Schätze in deren Sammlung zu überführen, scheiterten an finanziellen Fragen. So eröffnete Oppenheim im Sommer 1930 kurzerhand sein eigenes Museum in Charlottenburg. Die Schicksalsnacht für die Kostbarkeiten von Tell Halaf kam am 23. November 1943. Eine Brandbombe traf das Museum. Sämtliche Exponate aus Kalkstein, Holz oder Gips verbrannten. Die teils monumentalen Basalt-Bildwerke überstanden das Feuer. Als bei den Löscharbeiten aber kaltes Wasser auf das noch glühend heiße Gestein traf, zerbarsten die Skulpturen in tausend Teile. Glück im Unglück: Noch während des Krieges wurden die Trümmer aus der Museumsruine geborgen und im Keller des Pergamonmuseums eingelagert.

Damit zurück zu ihrer Wiederentdeckung Anfang der 90er Jahre. Entgegen früheren Einschätzungen wagten Restauratoren das Unmögliche: Die Skulpturen und Reliefs aus den Fragmenten wieder herzustellen. Durch das Engagement des Bankhauses Sal. Oppenheim und weiterer Förderer konnten 2001 die ersten Teile des gigantischen Puzzles zusammengefügt werden. Neun Jahre dauerte diese Arbeit.

Das Ergebnis ist nun in der packenden Ausstellung „Die Geretteten Götter aus dem Palast von Tell Halaf“ zu bewundern. Im Zentrum stehen monumentale Säulen in Göttergestalt, Fabelwesen, Tierfiguren und Reliefplatten, die aus den vielen Bruchstücken wieder zusammengesetzt wurden. Ebenso beeindruckend ist die Leistung der Wissenschaftler und Restauratoren, die mit bewundernswerter Geduld und Ausdauer die Originale zu neuem Leben erweckt haben.

Die großartige Schau ist darüber hinaus eine Hommage an Max von Oppenheim und dessen Forschergeist. Der dramaturgisch sehr geschickt gestaltete Rundgang rückt zunächst die Offenheit und Neugierde des Forschers in den Mittelpunkt. Die „liebevolle Versenkung in das Ganze einer Kultur“ – so beschrieb es einer seiner engen Mitarbeiter – war der Leitfaden seines Handelns. Auf zahlreichen Fotos begegnet dem Betrachter ein Mann, der zu den Menschen vor Ort eine große Nähe herstellte.

Genauso einprägsam sind die vielfältigen Dokumente, die das private Tell Halaf Museum aus den 30er Jahren vor Augen führen. Über eine audiovisuelle Installation zur tragischen Zerstörung und einen Blick in die Restaurationswerkstatt gelangt der Besucher schließlich in die Halle mit den rekonstruierten Objekten. In weiteren Räumen werden Details der Grabungen vor Ort geschildert, die Bedeutung der Fundstücke etwa als Kultgegenstände oder Grabbeigaben erläutert. Besonderes Augenmerk gilt dabei der „thronenden Göttin“, eine monolithische Skulptur, in die Oppenheim nach eigenem Bekunden regelrecht verliebt war. Aus Briefen weiß man, dass ihm die Wiederherstellung dieser Figur am Herzen lag.

Dass sich Oppenheim für jede Facette des Orients interessierte und sein Wissen mit anderen teilte, belegen die letzten Stationen der Ausstellung. Von seinen Reisen brachte er Vögel, Schlangen, Eidechsen, Käfer und mehr mit, die er dem Museum für Naturkunde übergab. Darüber hinaus nahm er traditionelle Musik der Beduinen auf, um sie für die Nachwelt zu erhalten. In seiner herrschaftlichen Wohnung am Kurfürstendamm residierte Oppenheim zeitweilig wie in einem orientalischen Palast. Und im 1922 gegründeten Orient-Forschungs-Institut am Savignyplatz förderte er Nachwuchswissenschaftler.

Mit den geretteten Göttern von Tell Halaf ist die Berliner Museumslandschaft um einen großartigen Schatz und eine atemberaubende Legende bereichert. Ein Teil der Stücke soll nach Ende der Ausstellung in die Dauerpräsentation des Vorderasiatischen Museums aufgenommen werden. Der größere Teil aber wird zunächst wohl um die halbe Welt reisen, der Louvre in Paris, das British Museum in London, das Metropolitan Museum in New York haben bereits Interesse angemeldet.

Wenn Mitte der 2020er Jahre die Grundsanierung des Pergamonmuseums abgeschlossen sein wird, soll sich der Traum des Max von Oppenheim verwirklichen: Die Rekonstruktion der Palastfassade von Tell Halaf mit den monumentalen Skulpturen soll zum Entree des Vorderasiatischen Museums werden.

Die Geretteten Götter aus dem Palast von Tell Halaf im Pergamonmuseum Berlin.

Bis 14.8., mo – so 10 – 18, do 10 bis 22 Uhr;

Tel. 030 / 20 90  55 77,

http://www.gerettete-goetter.de

Katalog 39,95 Euro, Verlag Schnell & Steiner, Regensburg

Quelle: wa.de

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