Ausstellung „Deutschland, Deutschland“ in Bochum

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Kritischer Blick auf den Grabbeltisch: Rudolf Holtappel fotografierte im Warenhaus 1965, zu sehen in Bochum.

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–So sehen Helden aus: Schweißnass die Haare, an den Stutzen Spuren des Kampfes. Einer hat das Trikot ausgezogen, entblößt einen stattlichen Bauch. Keine Nordkurve bejubelt die Dorfkicker aus Beyern in Südbrandenburg, die Thomas Kläber 1980 vor der Siegerehrung abgelichtet hat. Aber der Besucher der Situation Kunst in Bochum sieht sie am Anfang der Ausstellung „Deutschland, Deutschland...“.

Zwei Fotografen aus Ost und West werden vorgestellt: Kläber, 1955 geboren, Absolvent der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, der in seinem Heimatdorf eine berückende Form der Sozialfotografie entwickelte. Und sein älterer Kollege Rudolf Holtappel, geboren 1923 in Münster, der nach Kriegsende im Ruhrgebiet arbeitete, als freier Fotograf für Zeitschriften, Zeitungen, für die Kaufhauskette Karstadt und Theater des Reviers. Holtappel, der in Oberhausen lebt, hat in den 1960er Jahren in 16 Büchern das Bild des Ruhrgebiets dokumentiert.

Die Künstler haben ungeachtet der Distanz in Zeit und Region erstaunliche Gemeinsamkeiten. Beide arbeiten in Schwarzweiß, Holtappel mit etwas härteren Kontrasten, Kläber mehr mit malerischen Grautönen. Beide wählen als Motive alltägliche Szenen, vermeintliche Idyllen oft, die gleichwohl die jeweilige Lebenswelt oft sinnbildlich verdichten. Beide kommen den Menschen, die sie zeigen, sehr nah. Das liegt auch daran, dass sie nicht in eine Umgebung eindringen, sondern dazugehören. Holtappel fotografiert 1960 alte Bergleute beim Freiluftskat in einer Grünanlage. Er steht dabei neben anderen Kiebitzen, die den Spielern ins Blatt blicken. Kläber zeigt ein „Hastiges Mittagsmahl“ 1980 in einer Gärtnerei und fotografiert über den Tisch der Küche und den Teller eines Gärtners auf zwei Frauen in Schürzen. An der „Geburtstagskaffeetafel“ (1982) ist ein Stuhl frei – vermutlich nahm Kläber nach dem Foto hier Platz, um ein Stück Torte zu verzehren.

Aber es gibt natürlich auch Unterschiede. Holtappel wie Kläber zeigen spielende Kinder in unwirtlichen Stadträumen. Bei Holtappels Bild aus Oberhausen (1962) hocken Jungen und Mädchen auf der Straße. Sie haben den Fotografen bemerkt, blicken auf, aber stören lassen sie sich nicht, von ihm so wenig wie von den mächtigen Industrieanlagen im Hintergrund, die das kleine Idyll überragen. Die Ruhrgebietsszene wirkt optimistisch: Die Kinder behaupten sich, lassen sich buchstäblich nicht kleinkriegen von ihrer Umgebung. Wie trist dagegen die beiden Jungen, die Kläber 1988 in Frankfurt (Oder) aufnahm. Auch sie spielen konzentriert auf Steinblöcken, die offensichtlich schon verwittert sind, auf kahlem Boden zwischen Plattenbauten. Aber sie wirken isoliert, vereinsamt.

Holtappel zeigt die Skyline des Ruhrgebiets als urbanen Raum, dicht gefüllt, zuweilen beengt im Nebeneinander von Wohnhäusern und Produktionsanlagen. Typisch dafür ist das Hochformat „Oberhausen, Wiege der Ruhrindustrie“ (1961), wo die Siedlung im Vordergrund überragt wird von den Kühltürmen, Schloten und Förderanlagen. Die Aufnahmen Kläbers von Kraftwerken vermitteln den Eindruck weiter, leerer, öder Räume. Eine Serie widmete Kläber den Politparolen der DDR. 1986 nahm er in Cottbus ein Plakat auf, das ein Paar alter Menschen zeigt mit dem Motto: „Geachtet und geehrt“. Das Plakat klebt auf einem Müllcontainer.

Beide Fotografen haben tiefen Respekt vor den Menschen, selbst wenn sie komische Situationen zeigen. Holtappel fotografiert eine Kundin, die ein Bündel Herrensocken vom Grabbeltisch unerbittlich streng studiert, ohne Häme. Sie behält ebenso ihre Würde wie die Dame vor dem Spiegel, die einen Hut probiert, eine Szene wie „Frühstück bei Tiffany's“. Und wenn Kläber die vier alten Landfrauen auf der Landstraße aufnimmt (1979), darf man sicher sein, dass sie eigens für ihn anhielten und ihm Modell standen, ohne in eine Pose zu verfallen.

Natürlich verdankt sich der optimistische Grundton in den Aufnahmen Holtappels der Zeit: Er fotografierte die ausgestellten Aufnahmen in der Wirtschaftswunderzeit. Er reagierte durchaus auf Klischees über das Revier, zum Beispiel wenn er 1972 die Leine mit der frischen Wäsche vor der Ruhrchemie zeigt. Er nimmt auch die Nachteile der Industrie wahr, wie im Bild „Smog in Oberhausen“ (1964). Aber es schwingt stets die Aussicht mit, dass es hier weitergeht. Kläber zeigt dagegen auch die Abwicklung des Ostens, zum Beispiel im „Kraftwerksabriss“ in Brieske-Senftenberg (2001): Trümmer vor windschiefen, skelettierten Speichern, im Vordergrund nackter Boden. Das gab es im Revier auch – nur später.

Bis 1.5., mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr,

Tel. 0234/ 29 88 901,

http://www.situation-kunst.de,

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 18 Euro

Quelle: wa.de

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