Ausstellung „Der Sturm“ im Von-der-Heydt-Museum

Franz Marcs Bild „Die blauen Fohlen“ (1913), zu sehen in Wuppertal ▪

Von Ralf Stiftel ▪ WUPPERTAL–Dieser Kopf schießt auf überlangem Hals empor wie ein Schlangenhaupt. Wir sehen die hohe Denkerstirn und die ausladende Helmfrisur. In seiner Bronze hat William Wauer 1917 das Wesen Herwarth Waldens eingefangen.

Der Mann war ein Ein-Personen-Sturm. Ganz Bewegung. Immer auf der Suche nach Neuem. So schuf er mit seiner Berliner Galerie „Der Sturm“ ein Laboratorium der Avantgarde. Das Publikum forderte er heraus mit Franz Marcs blauen Pferden, mit Kandinskys abstrakten Kompositionen, mit Delaunays Farbexperimenten, stets auf der Suche nach dem letzten Schrei. Heute schmücken sich die bedeutendsten Museen der Welt mit Bildern, die bei ihm provozierten.

Das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum erinnert mit der Ausstellung „Der Sturm“ an das „Zentrum der Avantgarde“. Rund 200 Werke bilden die Arbeit der Galerie von ihrer Gründung am 12. März 1912 bis zu ihrer Auflösung in den späten 1920er Jahren ab. Die Schau der Superlative bringt Meisterwerke u.a. aus dem Museum of Modern Art und dem Guggenheim Museum in New York, der National Gallery in Washington, dem Pariser Centre Pompidou nach Deutschland zur einzigen Station dieser Schau. Zu sehen sind Bilder von Marc Chagall („Fliegende Kutsche“, 1913), Paul Klee, Henri Rousseau („Die fröhlichen Spaßmacher“, 1906), eine Werkgruppe von Kandinsky, ein wunderbarer Raum mit Arbeiten von Robert Delaunay (Die drei Fenster, der Turm und das Rad“, 1912), einer mit frühen Porträts von Oskar Kokoschka. Bis auf wenige Ausnahmen waren alle ausgestellten Werke im „Sturm“ zu sehen.

Ausstellungen zum „Sturm“ habe es schon gegeben, erläutert Museumsdirektor Gerhard Finckh. Aber erst jetzt wurde diese Schaltstelle moderner Kunst umfassend erforscht. Drei Jahre lang untersuchte ein Team der Heine-Universität Düsseldorf um Prof. Andrea von Hülsen-Esch die Geschichte der Galerie und ihres Gründers. Sie zeichnet mit Antje Birthälmer verantwortlich für Schau und den zweibändigen Katalog.

Die Galerie „Der Sturm“ erwuchs aus einer Zeitschrift. Sie hat aber Wurzeln im heutigen Wuppertal, und nicht nur, weil Waldens erste Frau, die Dichterin Else Lasker-Schüler, in Elberfeld geboren wurde. Die Region war eines der frühen industriellen Zentren Deutschlands, und hier saßen zahlungskräftige Kunstsammler – und Orte wie die Kunsthalle Barmen, die sich der neuesten Kunst öffneten. Als die Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ um Marc und Kandinsky noch „Neue Künstlervereinigung München“ hieß, zeigten ihre Künstler in Barmen ihre Bilder. 1912 gab es die große Sonderbundausstellung in Köln, eine Art documenta jener Zeit. Werke des „Blauen Reiters“ wurden aussortiert, um Platz für die großen Vorläufer van Gogh und Munch zu gewinnen. Walden bot den Abgelehnten an, sie in Berlin auszustellen.

Walden (1878–1941), als Georg Lewin geboren, war zuvor Publizist und Herausgeber der Zeitschrift „Der Sturm“ gewesen. Darin druckte er neben literarischen Texten auch Grafik von Künstlern. So ergab sich zwanglos die Ausweitung der Aktivitäten. Walden hatte eine Spürnase für bedeutende Kunst. In der Zeitschrift druckte er Werke der „Brücke“-Expressionisten ab, aber auch von Oskar Kokoschka.

Mit seiner Galerie wurde er für fast zwei Jahrzehnte zu einem überaus einflussreichen Weichensteller in der Kunstszene. Bisher waren eigentlich nur die Aktivitäten des „Sturms“ bis zum ersten Weltkrieg dokumentiert. Ausstellung und Aufsätze zeigen nun, dass Walden mehr bot als ein Forum des Expressionismus. Das Startkapital erwarb er – moralisch durchaus fragwürdig – im Krieg als Mitarbeiter des Nachrichtendienstes. Er machte Propaganda in neutralen Staaten für das Reich. Das wurde gut bezahlt. Und er konnte zu interessanten Künstlern reisen. Unter anderem hatte er Exklusivrechte am Werk von Chagall. Schnell hatte Walden neue Entwicklungen aufgespürt. Schon vor dem Krieg hatte er italienische Futuristen gezeigt – ein Raum in Wuppertal bietet eine Auswahl mit Werken von Boccioni, Severini und Carrà. 1913 richtete er mit Hilfe von Kandinsky und Marc den „Ersten Deutschen Herbstsalon“ aus, eine Art Positionsbestimmung der Avantgarde, kommerziell allerdings ein Flop.

Im „Sturm“ werden Kubisten und Konstruktivisten gezeigt, Künstler entdeckt zum Beispiel aus Ungarn und Rumänien. Hier wird ein Ansatz zur Einheit von Kunst und Leben vorformuliert, der später das Bauhaus prägte. Wichtige Bauhauskünstler stellten hier aus, neben Klee und Kandinsky auch Lyonel Feininger, Laszlo Moholy-Nagy und Rudolf Itten. Früh schon bot Walden auch Künstlerinnen ein Forum, und allein das Werk der Belgierin Marthe Donas lohnt den Weg: eine ganz eigenständige Ausprägung kubistischer Malerei.

Walden selbst endete tragisch: Der Idealist hatte sich dem Kommunismus zugewandt. 1932 wanderte er in die Sowjetunion aus. Im Zuge der stalinistischen Säuberungen wurde er 1941 wegen angeblicher Spionage inhaftiert und starb im Lager.

Der Sturm im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal. 13.3.–10.6., di, mi 11 – 18, do, fr 11 – 20, sa, so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0202/ 563 62 31,

http://www.sturm-ausstellung.de

Die zwei Katalogbände kosten einzeln 25, zusammen 40 Euro

Quelle: wa.de

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