Ausstellung „Der perfekte Pinsel“ in Köln

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Natur als Gleichnis: „Pflaume, Bambus und einhundert Vögel“ aus dem 16. Jahrhundert, zu sehen in Köln. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ KÖLN–Munter zwitschern sie miteinander, Elstern, Krähen, Finken, Meisen auf blühenden Pflaumenzweigen. Überaus lebendig malte der unbekannte Meister im 16. Jahrhundert diese Naturszene, die eine durchdachte Komposition ist. Die „Hundert Vögel“ waren im China der Ming-Dynastie überaus beliebt. Die Vögel standen für die menschliche Gesellschaft. Die zarte Pflaumenblüte, die dem Winterfrost widersteht, symbolisiert wahre Freundschaft auch in schweren Zeiten. Der Bambus, der sich unter der Last des Schnees beugt, aber nicht bricht, war Sinnbild von Stärke.

Die Seidenmalerei ist im Museum für Ostasiatische Kunst in Köln zu sehen. In der Ausstellung „Der perfekte Pinsel“ zeigt das Institut erstmals eine Werkgruppe seiner Sammlung, die Arbeiten von chinesischen Berufsmalern. Das Land NRW, die Stadt Köln und der Förderkreis des Museums ermöglichten die Restaurierung dieser Bilder. Dank einem Stipendium konnte Clarissa von Spee die Bilder im Katalog beschreiben. So kann der Besucher einen besonderen Aspekt chinesischer Kunst an 30 Beispielen aus sechs Jahrhunderten studieren.

Die Berufsmaler arbeiteten seit dem 11. Jahrhundert für den Kaiserhof, aber auch für Kaufleute und Mäzene. Sie lernten ihr Handwerk und legten großen Wert auf technische Perfektion. Dabei stammten sie oft aus der Unterschicht. Lange wurde ihre Kunst weniger geschätzt als die Literatenmalerei der Gelehrten und Beamten. Die hielten ihre Kunst für überlegen, weil sie eine individuelle Handschrift ausprägten und Dinge jenseits der sichtbaren Welt ausdrückten. Bis ins 19. Jahrhundert wurde die professionelle Malerei als Auftragskunst abgetan.

Wie ungerecht das ist, zeigen die prachtvollen Arbeiten der Kölner Ausstellung. Zum Beispiel die stimmungsvolle und erzählerische, mehr als vier Meter hohe Landschaft „Klammweg nach Shu“ von Yuan Yao (1741): Vor dem Betrachter erheben sich schroffe, baumbewachsene Felsen mit Schluchten, in denen Nebel wallen. Über die Abgründe führen schmale Holzbrücken, auf denen Händler ihre bepackten Maulesel führen. Die Beschwernisse des Geschäfts, aber auch die Freuden einer Tasse Tee bei einer Ruhepause, all das mag die Kundschaft angesprochen haben, vielleicht einen der Salzhändler Yangzhous. Solche Bilder waren enorm teuer, schon wegen ihres Formats: 50 Tael verlangte ein Meister für ein vergleichbares Bild, von zwölf Silbertael konnte ein Arbeiter ein Jahr lang seine Familie ernähren. Es gibt noch mehr solche Landschaftsbilder, mit Palästen, deren Architektur mit dem Lineal konstruiert wurde.

Auch wunderbare Porträts schufen die Meister. Das anonyme Portrait eines Beamten von 1607 war rissig, die Seide gebrochen. Erst das Fachwissen der Restauratoren des Schanghai Museums rettete das Werk. Nun sieht man das flammrote Gewand, vor der Brust ein gewebtes Rangabzeichen mit Mandarinenten und vor allem das fein ausgeführte Gesicht. Solche Bilder dienten als Ahnenportraits oft rituellen Zwecken. Es gibt auch Bildserien in kleinerem Format, die „Szenen aus dem Frauenleben“ schildern und Illustrationen zu einem Drama darstellen. Auch stilistisch findet man große Unterschiede: Geradezu modern expressiv ist Fu Wens Bild „Gelehrter und Diener am Wasserfall“ aus dem 18. Jahrhundert, das der Maler mit den Fingern ausführte.

In vielen Bildern ist die Farbe verblasst, so dass man in Gelb-, Braun- und Grautönen die einstige Pracht nur noch ahnt. Aber einige Blumen- und Vogelbilder haben sich noch die Frische bewahrt wie das Bild von Lotus aus dem 13. oder 14. Jahrhundert, bei dem die Farbe auf beiden Seiten der Seide aufgetragen wurde und so besonders intensiv scheint. Es ist eine vergangene Welt, in die jene Bilder uns führen, aber ihre Schönheit überbrückt mühelos die Jahrhunderte.

Der perfekte Pinsel  im Museum für Ostasiatische  Kunst, Köln.

Bis 20.2. 2011, di – so 11 – 17 Uhr. Tel. 0221 / 221 28 617, http://www.museenkoeln.de.

Katalog 28 Euro

Quelle: wa.de

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