Die Ausstellung „Credo“ erzählt von der Ausbreitung des Christentums in Europa

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Der Einband des Ada-Evangeliums zeigt in seinem Zentrum ein Kameo mit dem römischen Kaiser Konstantin, der das Christentum zur Staatsreligion machte, und seiner Familie.

Von Ralf Stiftel Paderborn - Ausgefranst an den Rändern. Beschmutzt. Abgegriffen. Mit schön geformten, aber schmucklosen griechischen Lettern beschrieben. Äußerlich macht das Blatt Papyrus nicht viel her. Aber es ist einer der größten Schätze der Christenheit, eine Abschrift des Briefs von Paulus an die Römer. Um das Jahr 200 haben mehrere Schreiber diese Kopie geschaffen. Jetzt ist das Blatt im Diözesanmuseum Paderborn zu sehen, in der Ausstellung „Credo – Christianisierung Europas im Mittelalter“.

Die Bischofsstadt setzt mit dem Projekt die Reihe großer kulturhistorischer Schauen fort. Auch diesmal vereinen Diözesanmuseum, Museum in der Kaiserpfalz und die Städtische Galerie am Abdinghof ihre Kräfte. Die Perspektive aber ist diesmal geweitet: Es geht nicht mehr wie 2006 bei „Canossa“ um einen historischen Moment, sondern um einen langen und dynamischen Prozess, der ganz Europa umspannte. Und so erwarten den Besucher rund 800 Exponate aus den großen Museen der Welt, darunter Kostbarkeiten, die noch nie zuvor ausgestellt waren. Sie erzählen keine einfache Geschichte, sondern Episoden darüber, wie aus einer Sekte aus Kleinasien eine Weltreligion wurde.

Jeder Ausstellungsort steht dabei für ein Kapitel. Im Diözesanmuseum wird die Frühzeit des Christentums beschrieben bis zu den ersten Missionswellen, die vor allem England, Irland und Skandinavien berührten. „Lux Mundi“ heißt dieser Abschnitt, Licht der Welt. Der Glaube an Jesus hatte sich noch nicht durchgesetzt und musste erst noch eine Bildsprache entwickeln. Man kann das an frühen Ringen verfolgen, die noch nicht das Kreuz oder eine Kreuzigung zeigen, sondern die griechischen Buchstaben Chi und Ro, X und P, die Initialen Christi, zu einem Zeichen vereinen. Einige Kaiser verfolgten die Christen – ein Ring konnte ein Erkennungszeichen sein. Auf einem Marmorrelief aus dem 4. Jahrhundert ist ein Jüngling dargestellt, der die Anbetung eines Götzenbildes verweigert. Drei um 430 geschaffene Elfenbeintäfelchen schildern Szenen aus dem Leben der Apostel Petrus und Paulus. Anerkannt wurde das Christentum unter Kaiser Konstantin (272–337), der die Religion privilegierte und Kirchen bauen ließ. An ihn erinnert der prunkvolle Einband des Ada-Evangeliars aus Trier. In die Goldschmiedearbeit von 1499 ist ein um 320 geschaffener Kameo eingearbeitet, der Konstantin und seine Familie von Adlern getragen zeigt.

Grandiose Goldschmiedekunst wie die Goldscheibe von Limons (7. Jh.) sind zu sehen, ein Fresko mit dem Bildnis von Papst Siricius (442–460), und kostbare Handschriften wie das Petersburger Evangeliar (8. Jh.) mit seinen großen, filigran ausgeführten Ornamenten. Das Cadmug-Evangeliar (8. Jh.) stammt möglicherweise aus dem Besitz des Hl. Bonifatius. Erstmals werden Funde aus dem Fürstengrab von Prittlewell präsentiert, darunter feine Kreuze aus Goldblech, die dem Toten auf die Augen gelegt wurden.

Der Ausstellungsteil im Museum in der Kaiserpfalz ist „In hoc signo“ überschrieben. Kaiser Konstantin soll in der Schlacht an der Milvischen Brücke den Satz geprägt haben: In diesem Zeichen siegt! Hier geht es um die nachrömische Zeit, als Mission durchaus ein blutiges Geschäft war. Kaiser Karl der Große zum Beispiel stellte die Sachsen vor die Wahl, sich taufen zu lassen oder zu sterben. Eine Vitrine am Anfang zeigt unter Schwertern und Speerspitzen zwei menschliche Schädel mit tödlichen Verletzungen. Längst nicht alle Heiden wollten bekehrt werden. Herrliche Goldschmiedearbeiten aus dem Soester Gräberfeld aus dem 6. Jahrhundert lassen sich noch nicht dem Christentum zuordnen. Einige Objekte waren aber aus dem christlich geprägten Raum importiert.

Die Missionare wollten die vorchristlichen Religionen auslöschen. Beispielhaft ist die Fällung der Donar-Eiche von Weismar durch Bonifatius. Aber die Schau geht auch hier auf Spurensuche, bietet immerhin einige Darstellungen zum Beispiel der Gottheit Swantevit und den 780 kg schweren Steinkopf von Salaspils (Lettland), der vielleicht auch ein heidnisches Götterbild ist, von dem aber nicht einmal die genaue Entstehungszeit bekannt ist.

Die Schau zeigt, dass blutig missioniert wurde. Aber sie dokumentiert auch andere Modelle. Zum Beispiel Otto von Bamberg, der mit Überredungskünsten zwischen Havel, Ostsee und Oder die Pommern bekehrte. Und es gab Herrscher, die das Christentum nutzten, um ihre Herrschaft zu sichern. Das Wechselspiel zwischen Politik, Religion, Macht wird mit erlesenen Stücken wie dem Kelch des Kaisers Romanos aus dem Kirchenschatz von San Marco illustriert, mit slawischen Manuskripten. Das Karlsepos berichtet vom Treffen Karls des Großen mit Papst Leo III. in Paderborn. Der Missionar Bernhard II. von Lippe verlieh Lippstadt das Stadtrecht : Die Urkunde (um 1220) ist ebenso ausgestellt wie ein Urteil von Bernhard III. in einem Streitfall (1231).

„Quo vadis?“ fragt die letzte Ausstellungsstation am Abdinghof. Hier geht es darum, wie das Christentum die Staatenbildung im 19. Jahrhundert prägte. Die Nationalsozialisten strebten einen „germanisches Glauben“ an und deuteten eine Kreuzabnahme an den Extrensteinen um. Eine Fußstütze sollte gar zum germanischen Weltbaum „Irminsul“ umgedeutet. Nach 1945 aber berief sich eine neue Europa-Bewegung auf das christliche Erbe, zum Beispiel beim Europa-Kongress 1948 in Den Haag. Ob das heute funktioniert? Da ist es wie mit Religion überhaupt. Man muss daran glauben.

Credo – Christianisierung Europas im Mittelalter

Bis 3. November

im Diözesanmuseum, im Museum in der Kaiserpfalz und in der Städtischen Galerie am Abdinghof.

di – so 10 – 18

Tel. 05251/ 88 20 02

www.credo-ausstellung.de

Katalog, 2 Bde., Verlag Michael Imhof, 49,95 Euro, im Buchhandel 69,99 Euro

Quelle: wa.de

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