Ausstellung „Caritas“ im Diözesanmuseum Paderborn

Überaus sinnlich malte Lucas Cranach die Allegorie der Caritas, die ihre Milch gibt ohne Gegenleistung, so wie der Apfelbaum seine Früchte. Zu sehen in der Paderborner Ausstellung. - Fotos: Museum

Von Ralf Stiftel PADERBORN - Erstaunlich, dass diese Frau dem Betrachter einen solch sinnlichen Blick zuwerfen kann. Gleich vier Kinder wuseln um die Nackte, die Lucas Cranach d. Ä. nach 1536 gemalt hat. Hier hockt eine der typischen erotisierten Kindfrauen vor uns, mit denen der Meister den Geschmack der Fürsten traf. Nur dass sie eben von den Kleinen umgeben ist, ein Baby gar an ihrer Brust saugt. Die Fürsorgerin, die allegorisch gezeigt wird, ist hier längst zur Marke verfestigt, Anlass für einen Akt.

Auch das gehört zur Ausstellung „Caritas – Nächstenliebe vom frühen Christentum bis zur Gegenwart“ im Diözesanmuseum Paderborn. Mit der Themenschau befragt das Haus eine Tugend auf ihre heutige Gültigkeit. Die Zuwendung zum Nächsten ist keine Erfindung des Christentums. Schon die Ägypter hatten einen Tugendkatalog, der die Gebote des Matthäus-Evangeliums um fast 1500 Jahre vorwegnimmt: die Hungrigen speisen, die Nackten kleiden, die Leidenden trösten. Aber besonders in der Spätantike machte die bedingungslose Hilfe für den Nächsten die junge Religion attraktiv. Die Christen profilierten sich als Kümmerer.

Die Ausstellung verfolgt das Thema mit rund 200 Objekten. Schon das früheste Stück ist sensationell. Ein ägyptisches Papyrusfragment (um 175–225) zeigt die älteste erhaltene Abschrift des ersten Paulus-Briefs an die Korinther, die Passage über die Liebe, die in den Satz mündet: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Die Schau holt Kunstwerke von überragender Bedeutung nach Paderborn. Eine delikate Grisaille-Malerei von Raffael (1507) zeigt die Allegorie der Caritas noch bekleidet. An Leitbildern für Zuwendung zum Nächsten, für das Teilen und Dienen mangelt es in der Bibel ja nicht. So kann man auf einer Elfenbein-Pyxis aus dem 6. Jahrhundert die Speisung der 4000 bewundern. Eine Elfenbeintafel aus Konstantinopel (10./11. Jh.) stellt die Fußwaschung der Apostel durch Christus dar, eine große Demutsgeste, dieser Dienst am Nächsten war eigentlich Sklavenarbeit. Eine Buchmalerei aus dem Evangelistar von der Reichenau (um 1020) zeigt die Geschichte des barmherzigen Samariters. Man sieht dort, wie der Wohltäter schon mal für das Überfallopfer bezahlt, und man sieht den Priester abseits stehen, seine Untätigkeit wird angeprangert. Der Soester Künstler Heinrich Aldegrever spitzt in seiner Kupferstichserie (1554) die Geschichte des Samariters noch kirchenkritisch zu. Das Elfenbeinrelief auf dem Einbanddeckel des Melisende-Psalters (um 1135) schildert Werke der Barmherzigkeit eines guten Herrschers.

Später kamen vorbildliche Heilige hinzu, vom Hl. Martin zum Beispiel, der seinen Mantel mit dem Bettler teilt, sieht man ein Mosaik aus Mailand (8. Jh.), eine der ältesten Darstellungen überhaupt. Die Hl. Elisabeth von Thüringen ist auch beliebt, um Wohltätigkeit zu verbildlichen. Die „Nährmutter der Armen“ hält als burgundische Holzskulptur (um 1480/90) ein Brot in der Rechten.

In der Moderne wechselt die Perspektive. Die Kunstwerke formulieren nicht mehr nur eine moralische Norm. Sie nehmen Caritas-Motive, um die Gegenwart zu reflektieren. Der Expressionist Erich Heckel verarbeitet seine traumatisierenden Erfahrungen an der Weltkriegsfront mit Holzschnitten über den Samariter (1915). Ein ergreifendes Video von Bill Viola („Observance“, 2002) zeigt eine lange Reihe von Menschen, die nacheinander vortreten und erschüttert auf etwas blicken, das der Betrachter nicht sieht. Einen Toten? Einen Leidenden?

Aber die Ausstellung zeichnet die Geschichte der Nächstenliebe auch in kultur- und sozialgeschichtlichen Zeugnissen nach. Ein Fresko aus Bergamo (um 1280) zeigt die Gabenverteilung der Misericordia-Bruderschaft, eine der ältesten Gemeinschaften der Armenfürsorge. Die Caritas institutionalisierte sich. Klöster richteten Hospitäler ein. Modelle einiger mittelalterlicher Einrichtungen sind zu sehen. Aus dem Lübecker Heilig-Geist-Hospital sind archäologische Funde ausgestellt: ein Krug, eine Glocke, mit der vielleicht zu den Mahlzeiten geläutet wurde, Fläschchen für Arzneien.

Es gibt auch modernere Beispiele für institutionalisierte Nächstenliebe wie die Blindenschule, die Pauline von Mallinckrodt einrichtete. Viele denken bei „Caritas“ zunächst an die Vereine, die seit dem 19. Jahrhundert für die katholische Kirche die Wohlfahrtspflege betreiben. Es gibt eine Art Werbeblock mit Plakaten und Videos über die Arbeit der Caritas.

Unkritisch ist die Schau aber nicht. Sie geht auf den gesellschaftlichen Wandel durch die Industrialisierung ein. 1930 wurden Gutscheine gedruckt, um Bettelei zu verhindern. Durch die Massenarbeitslosigkeit gab es viele Obdachlose. Die Gutscheine konnten „wirklich Notleidende“ in Fürsorgeeinrichtungen einlösen. Da ging es weniger darum, dem Nächsten zu helfen, als darum, ihn mit gutem Gewissen loszuwerden. Auch die Verstrickung psychiatrischer Pflegeeinrichtungen in die Euthanasie der Nazis wird dargestellt.

Überaus mehrdeutig reflektiert eine Fotoarbeit von Vanessa Beecroft die Ambivalenz von Nächstenliebe heute: Die Künstlerin zeigt sich in „South Sudan“ madonnenhaft mit zwei afrikanischen Babys. Das Bild kann man als moderne „Caritas“-Allegorie lesen, als Lob auf europäische Nächstenliebe. Aber es zeigt auch eine Vereinnahmung: Vielleicht befriedigt Europa mit Pfleglingen aus der Fremde bloß das eigene Bedürfnis nach emotionaler Wärme.

Caritas im Diözesanmuseum Paderborn.

Bis 13.12., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251/ 125 14 00,

www.caritas-ausstellung.de

Katalog, Verlag Michael Imhof, Petersberg, 39,95 Euro

Quelle: wa.de

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