Ausstellung „Bildvertrauen“ im Kunstmuseum Bochum

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Verführerisch: Johannes Hüppis Bild „Kein Titel“ (2007) in Bochum. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Aus dem Blick der dunkeläugigen Kellnerin mit dem Rotwein wird der Betrachter nicht klug. Ist sie wirklich so gleichgültig? Oder zählt eher das Versprechen des offenherzigen Dekolletés? Der Maler Johannes Hüppi, der 2007 dieses Bild schuf, hilft auch nicht weiter: „Kein Titel“ schreibt er darunter. Das Auge jedenfalls ist frei zu schwelgen im raffiniert inszenierten Spiel von Licht und Schatten. Nicht nur Flasche und Glas blitzen in souverän gesetzten Reflexen auf. Auch die weiblichen Reize sind bestens ausgeleuchtet, während über ihrem Kopf ein Schatten liegt.

Das Gemälde hängt in der Ausstellung „Bildvertrauen“ des Kunstmuseums Bochum. Hüppi zeigt auf Akten mehr vom weiblichen Körper. Aber dieses Werk lässt die Fantasie schweifen, nicht nur die männliche. Die Schau wurde von Gerda und Helmut Jaesch ke zusammengestellt. Die inzwischen pensionierten Mediziner betrieben von 1970 bis 1990 eine Galerie, das Studio Jaesch ke, in der sie die Kunst verbreiteten, die sie als „realistisch“ schätzten. Schon 1990 gab es eine Ausstellung im Museum, sozusagen eine Bilanz der Arbeit. Die Jaeschkes hatten im Nachgang zur 68er-Bewegung eine Alternative zur dominierenden Abstraktion gesucht. Sie schätzten gegenständliche Malerei zum Beispiel der Gruppe „Zebra“. Die Bilder sollten eine Aussage haben. Um 1990 war Malerei nicht mehr so gefragt, darum schloss das Studio Jaesch ke. Inzwischen ist – nicht zuletzt wegen der Neuen Leipziger Schule um Neo Rauch – diese Kunstrichtung wieder gefragt. Jaeschkes bieten – auf Einladung von Museumsdirektor Hans Günter Golinski – Rückschau mit elf Künstlern und einen Ausblick mit drei Künstlern, die ausführlicher präsentiert werden.

Entdeckungen und Wiederentdeckungen sind also versprochen. Helmut Jaeschke schwärmt voll Überzeugung von „Meisterwerken“, seine inbrünstige Zuneigung ist sympathisch, hätte aber lohnendere Objekte verdient. Dietmar Ulrichs „Freiballon“ (1977) soll als Sinnbild für den deutschen Herbst stehen: Eine Gruppe Männer agiert undurchsichtig am unteren Bildrand unter einer deutschen Fahne, die damals mit einem repressiven Staat verbunden wurde. Da sah einer schwarz, auf 90 Prozent der Bildfläche. Gerade die Mischung aus Op-Art und Realismus von Dieter Asmus, die seriell arrangierten Umweltfantasien mit Baumstümpfen und AKW-Kuppeln von Hermann Waldenburg, die psychedelisch bunten Landschaften eines Jens Lausen hätte man nicht unbedingt vermisst.

Diese Spielart des Realismus ist sichtlich in die Jahre gekommen. Anderes in der Schau allerdings gehört zu den modernen Klassikern, die kühlen Objektbilder Konrad Klapheks zum Beispiel und die allegorischen Kommentare Wolfgang Mattheuers zur DDR. 1983 malte er „Der Nachbar, der will fliegen“, und natürlich ist das noch als kaum verhüllte Darstellung der Republikflucht zu verstehen. Und vor den expressiven Selbstporträts von Johannes Grützke versteht man vielleicht, was einem bei anderen Bildern fehlt.

Unter den jungen Malern wird besonders der 40-jährige Eckart Hahn hervorgehoben. Seine surrealen Vexierbilder deuten Sofakissen zu Gebirgsmassiven um und Handschuhe zu Schwänen. Dabei überzeugt nicht jedes Bild, aber es hat immerhin Witz, zum Beispiel in der „Fabrik“, bei der die Fenster in gelben Farberuptionen herausspritzen. Da bekommt Hahns Malerei etwas Selbstreflexives.

Die Bilder Thomas Hubers wirken zuweilen wie Kreuzungen aus Magritte und de Chirico. In „Studio“ (1991) zeigt er ein abstrahiertes Atelier mit Tieren, Masken und Gefäßen – Modellmaterial für einen Maler. Aber die Tiere waren offenbar zu lange allein, entwickeln Eigenleben. Und man entdeckt mit dem zweiten Blick Kuhfladen und darüber schwirrende Fliegenschwärme.

Eröffnung sa, 17 Uhr, bis 7.8., di – so 10 – 17, mi bis 20 Uhr,

Tel. 0234/ 910 42 30,

http://www.bochum.de/kunstmuseum

Katalog 18 Euro

Quelle: wa.de

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