Ausstellung auf Haus Opherdicke stellt Herbert Rolf Schlegels eigenwillige Bildwelt vor

Irritierend spielte Herbert Rolf Schlegel mit Geschlechterrollen in seinem Gemälde „Models vor dem Ammersee“ (um 1930), das in der Ausstellung auf Haus Opherdicke zu sehen ist.
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Irritierend spielte Herbert Rolf Schlegel mit Geschlechterrollen in seinem Gemälde „Models vor dem Ammersee“ (um 1930), das in der Ausstellung auf Haus Opherdicke zu sehen ist.

Mit seinem Gemälde „Models vor dem Ammersee“ (um 1930) übertrumpft Herbert Rolf Schlegel die drei Grazien der Antike. Er präsentiert uns gleich sechs schöne junge Menschen auf einem Laufsteg, den die Natur geschaffen hat. Ein Höhenzug zwischen zwei Gewässern.

Holzwickede – Vorn spiegeln sich Fels und botanisch exakt geschilderte Kräuter. Im Hintergrund öffnet sich der Raum in eine dunstige Weite. Vor allem frappieren die Figuren. Schlegel verweigert die eindeutige Zuordnung, ob hier Männer oder Frauen posieren. Die Blonde im blauen Kleid, die mit dem Betrachter flirtet, ist wohl weiblich. Die Schirmträgerin mit den Locken wird schon durch das duftige Kleid einsortiert, das der Künstler in wunderbaren Nuancen zwischen Türkis und rosa schillern lässt.

Aber was steht da zwischen ihnen mit dem dunklen Pagenkopf, der flachen Brust, der den Genitalbereich mit dem Fronteingriff betonenden Herrenhose? Auch der Bartschatten deutet auf einen Herrn hin. Und die Gestalten am rechten Bildrand, besonders das Model, das gerade seine Shorts knöpft, mit diesen muskulösen Fußballerwaden und der asymmetrischen Frisur? Schlegel spielt auf das Frivolste mit den Geschlechteridentitäten. Er zitiert eine theatralische Figurenaufstellung, die von Botticelli über Watteau und Fragonard auf uns gekommen ist. Die Landschaft verweist stilistisch auf die Romantiker. Zugleich sind die Akteure dieses Gemäldes durch die präzise Wiedergabe der Mode unzweifelhaft der Entstehungszeit zugeordnet. Dieser kühle Realismus deutet auf die Neue Sachlichkeit.

Man kann zum Glück von heute an wieder selbst schauen. Der Kreis Unna zeigt auf Haus Opherdicke eine Retrospektive von Herbert Rolf Schlegel (1889–1972), die man getrost als Entdeckung bezeichnen darf. Was hier mit rund 100 Gemälden und Papierarbeiten und einem Werkkomplex aus noch einmal 100 Miniaturen ausgebreitet wird, war so bislang noch nie öffentlich zu sehen. Der Sammler Axel Hinrich Murken hat verhindert, dass diese eigenwillige Bildwelt ins Vergessen zerstreut wurde. Er hat die Kuratoren Sally Müller und Arne Reimann von dem Thema überzeugt.

Schlegels Biografie ist nur in groben Zügen bekannt. Der Sohn aus einer Breslauer Kaufmannsfamilie hat sein Kunststudium in Düseldorf, Weimar und zuletzt Kassel zwar mit Auszeichnung absolviert. Ein früher Schicksalsschlag hatte zur Folge, dass er sich aus der Öffentlichkeit zurückzog: 1921 starben seine Frau und das Kind kurz nach der Geburt. Schlegel zog nach Bayern an den Ammersee. Er reiste viel, malte, zog sich aber aus der Öffentlichkeit zurück. Zeitweise war er als Lehrer im Landheim Schondorf angestellt. In beiden Weltkriegen war er Soldat. Nach 1945 gab er Privatunterricht, bereitete Bewerber auf ein Kunststudium vor. Er hatte keine Kinder, um seinen Nachlass kümmerte sich noch sein Neffe. Die Bilder wurden auf mehreren Auktionen veräußert.

Prägend für Schlegel war die Lebensreformbewegung um 1900. Gegen die Industrialisierung wurde damals eine naturnahe Lebensweise propagiert. Man zog aufs Land, baute Gemüse an, ernährte sich vegetarisch und bewegte sich gern nackt in der Natur. Schlegel war kein Avantgardist, sondern ein Eklektiker, der sich auf verschiedene Stilrichtungen bezog. Er erschuf sich gemalte Gegenwelten gegen die Moderne. Ungewöhnlich und geradezu revolutionär war sein Umgang mit erotischen Motiven, seine Auflösung der Geschlechterrollen, seine „queere“ Orientierung. Geradezu manisch malte er nackte Menschen unter freiem Himmel, als „Adam und Eva“ unter dekorativ stilisierten Bäumen (1921), als entspannte Gruppe am Ammersee (um 1924), als antikisierende Szene „Diana und ihr Gefolge“ (um 1931), als liegenden Rückenakt unter einem Olivenbaum an der italienischen Küste (um 1940), im Profil und gerahmt von Ahornlaub („Vor dem Bade“, um 1943). Die Werke wirken seltsam aus der Zeit gefallen. Der figürlich arbeitende, diskrete Künstler hatte keine Probleme mit der NS-Diktatur. Er wurde zwar Mitglied der Reichskunstkammer, fiel aber nicht weiter auf. Eine Entwicklung in seiner Kunst ist nur in Nuancen zu bemerken: Im Lauf der Jahre verlieren sich die harten Konturen der Neuen Sachlichkeit.

So sieht man nun in Opherdicke Bilder farbglühender Landschaften und schöner Menschen. Schlegel, so berichtet einer seiner Schüler, sei schon mal in Damenstrümpfen und -schuhen durch Schondorf gelaufen. Die androgyne Auffassung von Erotik, das schon fast fetischistische Interesse an Mode in den Bildern hat also eine biografische Unterfütterung. Er schuf ein bizarres Stillleben mit hochhackigen Schuhen (um 1934), es gibt Zeichnungen mit Sommermode und sogar ein Blatt aus dem Schuhladen. Nicht alle Werke sind perfekt ausgeführt, manchmal stimmt die Anatomie nicht, wirken Haltungen unnatürlich. Aber wozu er fähig war, zeigen wieder Werke wie die „Uferböschung“ (1952), eine Aquarell-Naturstudie in der Nachfolge der großen Romantiker. Und eine Serie frivoler Aquarelle wie „Weiblicher Akt am See“ und „Erotische Szene (mit neuen Schuhen)“ (1948) verarbeitet die Bildwelt amerikanischer Pin-Up-Kalender, Pop-Art vor der Erfindung des Stils. Dabei legte Schlegel es nie auf Provokation an. Selbst sein „Liebesgarten“ (um 1925) mit vier schmusenden Paaren wirkt vergeistigt. Diese lebensbejahende Schau passt perfekt zum Neustart.

Bis 15.8., di – so 10.30 – 17.30 Uhr, Besuch mit Zeitfenstern im 90-Minutentakt nur nach Anmeldung unter Tel. 02301 / 918 39 72, www.kreis-unna.de/haus-opherdicke, Katalog, Verlag Kettler, Dortmund, 30 Euro

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