Ausstellung „Alles nur geklaut?“ fragt nach dem Wissen auf Zeche Zollern

Die Erfindung im Stadtgarten: Öffentliche Vorführung des Laufrads 1818 in Paris, das Karl Freiherr von Drais 1817 erfunden hatte. Das Bild ist in der Ausstellung „Alles nur geklaut?“ auf Dortmunds Zeche Zollern zu sehen. Foto: wikipedia

Dortmund Es gibt auch „Escaperooms“ auf der Zeche Zollern in Dortmund. Wer rätseln will und die Codes knacken möchte, der sollte sich am Eingang der Ausstellung „Alles nur geklaut? Die abenteuerlichen Wege des Wissens“ zu erkennen geben. Ab Samstag. Dann folgen Anweisungen per Tablet und schon erweitert sich die Ausstellung zu einem Rate-Parcours mit sechs Kammern. Aber keine Angst, die Escaperooms sind nicht verschlossen und Zeitdruck macht hier auch niemand. Dies ist eine Familienausstellung.

Es ist erstaunlich, was das Industriemuseum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe aufbietet, um anschaulich zu machen, wie unsere Informationsgesellschaft entstanden ist. Was musste also passieren, dass wir heute sagen können und müssen, Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts.

Das Museum, das in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feiert, traut sich an eine Mammutaufgabe. Der Titel „Alles nur geklaut?“ komprimiert die Frage, woher kommt das Wissen und wie gehen wir mit dem Wissen um? Beides ist nicht zu trennen, demonstriert bereits das erste Kapitel der sechsteiligen Themenpräsentation. „Wissen schaffen. Von Göttern und Menschen“ erinnert daran, dass Adam und Eva das Paradies verlassen mussten, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis genascht hatten. Nicht so ruppig wie im Christentum ist altägyptisch überliefert, dass der Gott Thot den Menschen die Schrift gegeben hatte und damit auch die Weisheit. Prometheus, der Halbgott, raubte das Feuer von Zeus und gab es den Menschen, also das Wissen an die Welt. So steht es in der griechischen Mythologie.

Diese ganz anders akzentuierten Mythen sind ein nachdenklicher Einstieg für eine Schau, die gar nicht belehren will. Museumsdirektor Dirk Zache geht es darum, dass der Besucher eine Haltung entwickeln soll. Das Museum ist für Zache ein Forum, wo ein Austausch stattfinden kann. Das heißt auch, kurze Texte, verschiedene Methoden (Didaktik) wie Escaperooms und Kooperationen. Beispielsweise stellt ein Berliner Designer Infos ins Internet und macht Wissen frei verfügbar. Sitzmöbel lassen sich nach seinen Angaben bauen. Für Dortmund hat das das Diakonische Werk in Recklinghausen übernommen. Sofa und Sessel aus Holz steht nun im Foyer der Schau.

Insgesamt werden in Dortmund 370 Exponate auf tausend Quadratmetern ausgestellt. Und das Holzscheibenrad, das bei Aurich aus dem Moor geborgen wurde, ist auf 2350 v. Chr. datiert. Es steht für eine bahnbrechende Erfindung, die zeitgleich in Europa und Asien stattfand. In Slovenien war das älteste Rad (3200 v. Chr.) gefunden worden. Das Scheibenrad steht aber auch für museale Arbeit, das Original zu bewahren und einem Publikum zugänglich zu machen. Auch dies wird in Dortmund beherzigt. Daneben ist noch ein Laufrad von Karl Freiherr von Drais zu sehen, ein Autoreifen mit Holzspeichen und das Formel-1-Rad von Pirelli, das den Motorsportfreund an die „Reifenstrategie“ der Rennställe erinnern wird. Alles auf engstem Raum und manchmal auch in der Konzentration überbordend.

An dieser Stelle bleibt das Konzept von „Alles nur geklaut?“ ein Wagnis. Kommen die Besucher, die Familien ab Samstag? Sind sie dann zufrieden? Es entscheiden wohl die Zuschauerzahlen.

Stoff gibt es genug. Eine Enzyklopädie mit 243 Bänden erinnert an Johann Georg Krünitz (1728–96). Der Universalgelehrte schrieb selbst 71 Bände seines Lexions, bevor er starb. Im 18. Jahrhundert wurde klar, dass Wissen wichtig für die Entwicklung des Menschen ist. Heute hat das Internetlexikon Wikipedia allein zwei Millionen Artikel auf Deutsch. Verfügbar für alle und nicht nur für Betuchte, die ein Lexikon kaufen konnten. Anfang April gibt es einen Schreibworkshop von Wikipedia im Museum. Es wird Nachwuchs gesucht – für weitere Einträge.

Das Museum öffnet sich. In der Wissenwerkstatt – erste Etage – fragen Schüler aus Irland, Polen und Deutschland nach „Fake News“. Beispielsweise werden Fälschungen vom Original unterschieden. Converse-Chucks, BVB-Trikot oder Levi’s-T-Shirt – welche Schwächen haben sie?

Es gibt verschiedenste Impulse. Aber das spannendste sind dann doch die Menschen, die wie Wernher von Braun („Wissen wollen“) erst für die Nazis und dann für die USA Raketentechnik entwickelten. Hatte er Skrupel als Wissenschaftler?

Mata Hari („Wissen verraten“), die bekannteste Spionin der Weltgeschichte, wurde in Frankreich hingerichtet. Erst jetzt – nach 100 Jahren – waren die Gerichtsakten zugänglich. Sie belegen, dass die Tänzerin für ihr glamouröses Leben spionierte. Bereits ihr Vater hatte sie mit tollen Klamotten verwöhnt. Die Ausstellung zeigt ihr privates Fotoalbum, Briefe und Parfüm-Fläschchen. Und die Verbindung zu einer Frau aus Dortmund-Mengede, Elsbeth Schragmüller, die die deutsche Spionage in Frankreich während des Ersten Weltkrieg organisierte. Sie erscheint als 3D-Hologramm.

Ab Samstag geöffnet; bis 13. 10.; di-so 10 – 18 Uhr; Katalog im Klartext Verlag 29,95 Euro; Tel. 0231/69 61 271;

www.allesnurgeklaut.

lwl.org

Quelle: wa.de

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