„Ausnahmezustand“: Aufsatzband zu Kleist

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Heinrich von Kleist ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Normalerweise sind Hochschulen die Orte, an denen sich Wissenschaft vollzieht. In Hamm war das zwischen 2009 und 2010 anders. Da wurde das noch im Bau befindliche Heinrich-von-Kleist-Forum zum Ort der freien Reflexion über den Namenspatron.

Literaturwissenschaftler aus Nordrhein-Westfalen (und darüber hinaus) hielten Vorlesungen, die neue Aspekte im Schaffen dieses Autors beleuchten sollten. Nun sind die Aufsätze, die auf Anregung von Heinz Weskamm entstanden, in einem Sammelband dokumentiert. Herausgeber Nicolas Pethes, Professor an der Ruhr-Universität Bochum, stellt sie unter ein Leitmotiv, das er von Carl Schmitt bezog: „Ausnahmezustand der Literatur. Neue Lektüren zu Heinrich von Kleist“.

Die Autoren gehen dabei vor allem kultur- und sozialgeschichtlich ans Werk. In drei Kapiteln, die jeweils wichtige Themenkreise in Kleists Texten definieren, widmet sich jeder Autor schwerpunktmäßig einem Werk. So erfährt der Leser mehr über „Krieg“, „Recht“ und „Leben“. Der Anspruch der beteiligten Wissenschaftler ist, mehr und anderes zu bieten als „eine Rückübertragung politischer Theorien des 20. Jahrhunderts auf die literarische Ästhetik des 19. Jahrhunderts“, wie der Herausgeber ausführt. Kleist wird als Autor untersucht, dessen Texte an Grenzen gingen, Extreme ausloteten.

Kleist bleibt immer ein im Wortsinne fragwürdiger Autor, kein zu kritikfreier Verehrung verdammter Klassiker. Seine nationalen, antifranzösischen Affekte zum Beispiel wurden in der Zeit des Nationalsozialismus zur geistigen Mobilmachung genutzt. Wie die „Herrmannsschlacht“ den totalen Krieg vorwegnimmt, wie Kleist geradezu prophetisch die Barbarei eines „totalen Kriegs“ legitimiert auf Kosten des Völkerrechts und damit schrieb, was Nazi-Deutschland praktizierte, das arbeitet Niels Werber im Aufsatz „Das Recht zum Krieg“ heraus: „...die völkische Publizistik hat Kleist als Kronzeugen … in Beschlag genommen“. Einen anderen Aspekt spricht Yvonne Wübben an. Sie untersucht „Penthesilea“ als Inspirationsquelle der Sexualpathologie: Richard von Krafft-Ebing las 1891 Kleists Tragödie als „Gemälde eines fast vollkommenen weiblichen Sadismus“. Die Dichtung wurde zum Fallbeispiel in einer psychiatrischen Abhandlung.

Leider gerät im sozialhistorischemn Blickwinkel des Bandes das Modernste an diesem Autor, seine unerhört radikale Sprache, an den Rand. Gleichwohl bieten die 14 Aufsätze eine Fülle von Anregungen.

Nicolas Pethes (Hg.): Ausnahmezustand der Literatur. Wallstein Verlag, Göttingen. 350 S., 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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