Arthur Millers Drama „Tod eines Handlungsreisenden“ in Bochum

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Niedergestreckt: Willy Loman (Bernd Rademacher) am Boden der Bochumer Inszenierung „Tod eines Handlungsreisenden“. Sohn Biff (Dimitrij Schaad, rechts) schaut zu, Sohn Happy (Krunoslav Šebrek) ist bei Letta (Ragna Guderian). ▪

BOCHUM ▪ Willy Loman kommt nach Hause. Erschöpft, kleinlaut, fertig. Die Arme des großen Schauspielers Bernd Rademacher, der Arthur Millers Handlungsreisenden gibt, werden noch länger – so ziehen die Musterkoffer am Ende der Verkaufsreise. „Bin todmüde“, sagt Loman und hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es noch mal besser werden könnte: nach einer ruhigen Nacht, einem profitablen Geschäft oder guten Nachrichten von den Jungs. Aber das alles bleibt aus im US-Klassiker „Tod eines Handlungsreisenden“ (1949). – Von Achim Lettmann

An den Bochumer Kammerspielen schickt Regisseurin Agnese Cornelio das Opfer des Kapitalismus richtig auf die Bretter. Selten wird die Tragödie des erfolglosen Verkäufers so realistisch und entschieden emotionalisiert. Cornelio will nicht nur den Prototypen eines Mannes zeigen, der alles gegeben hat und im Alter fallen gelassen wird. Die Italienerin zeigt einen Menschen, der seine Würde einbüßt und seine Existenz. Wie viele andere. Bernd Rademacher macht daraus ein verzweigtes wie intimes Personendrama, so vielschichtig fächert er den Niedergang der Figur auf. Loman nimmt allen Zweckoptimismus zusammen und fragt seinen Chef nach einem ruhigen Job im Büro. Howard steht weit über seinem Angestellten, abgeschottet, wie auf einer Burg. Matthias Eberle typisiert ihn voller Eigenliebe und Ignoranz. Ein Monster, das Willy letztlich kündigt. Loman fährt aus der Haut, weil ihm unverständlich bleibt, weshalb er so übel abgefertigt wird. Bernd Rademacher geht auf die Knie, er stöhnt wie ein alter Kerl und jault wie ein Hund, dass es ans Herz geht. Ihm gelingt, selbst nach dieser Demütigung, noch das Licht der Hoffnung anzuknipsen – aufzustehen. Burnout? Es muss weiter gehen.

Die Inszenierung taucht die Agonie Lomans in ein wechselvolles Szenario. Taktgeber ist immer wieder Ben, Lomans Bruder, der mit Diamanten in Afrika oder Gold in Alaska reich wurde. Nicola Mastroberardino gibt den „amerikanischen Traum“ smart, lässig in schwarzer Jeans mit Gitarre. „Gleichheit und Freiheit“ sagt er. Die Losung klingt aus seinem Mund erst frisch und dann zynisch – mit Blick auf Loman.

Regisseurin Cornelio vitalisiert diese Vision. Ben spricht eine Grundsatzrede von US-Präsident Barack Obama, die Loman fortführt, ohne allerdings das Blatt zu wenden. In Bochum wird festgehalten, dass „Yes, we can“ nur die alte Platte ist, die Leuten wie Loman immer wieder vorgespielt wird. Und die Leute wie Loman immer wieder glauben.

Leider wird dieser Regieansatz nicht konsequent ins Amerika nach 9/11 verlegt. Die Söhne Biff und Happy sitzen mit ihrer Mutter zwischen Kühlschrank und Heizstrahler, bis auch die letzten Geräte gepfändet sind. So entsteht mehr Platz für Lomans Traumszenarien, die aber antiquiert wirken. Thimo Plath (Bühne) bleibt mit dem Billigappartment in den 50er Jahren, Ursula Bergmann (Kostüme) monumentalisiert den Konsum als Handlungsmotiv durch riesige Pommes wie im Gewerbepark. Stimmig, aber abgegriffen.

Krunoslav Šebrek überspielt als Happy die eigene Unsicherheit mit Wohnung, Auto und Weibergeschichten. Ein Getriebener, der wie Biff die Lebensmitte nicht findet. Dimitrij Schaad gibt den Biff als derangierten Sinnsucher, der seinen Vater stellt und die Lebenslügen herausbrüllt. Zu spät. Und tschüss.

Mutter Linda wird von Veronika Nickl als wortarmes Frauenopfer bewegt, dass Angst um den Mann hat und ohne Einfluss bleibt. So geht‘s wohl allen – immer noch.

Quelle: wa.de

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