„Arsen und Spitzenhäubchen“ in Dortmund

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Martha, Abby und Mortimer Brewster in der Dortmunder Komödien-Inszenierung (von links: Caroline Hanke, Eva Verena Müller, Christoph Jöde). ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND_Es ist ein Fluch für jeden ambitionierten Theaterregisseur, wenn ein Stück, das er sich vornimmt, ein solches Vorbild auf der Leinwand hat wie „Arsen und Spitzenhäubchen“.

Aber obwohl die Hollywood-Bearbeitung von Frank Capra mit dem gummihaft beweglichen Cary Grant in der Hauptrolle die drei Jahre zuvor entstandene Theatervorlage von Joseph Kesselring so mächtig überschattete, hat man am Schauspiel Dortmund den Vergleich nicht gescheut und die Premiere kurz vor dem Jahreswechsel angesetzt. In der Regie von Peter Jordan und Leonhard Koppelmann ist „Arsen und Spitzenhäubchen“ ein krachender Spaß, derb und lustig und trotz einiger Längen im ersten Teil sehenswert.

Jordan/Koppelmann erzeugen Gruselkomik mithilfe einer wilden Zutatenmischung. Das Brewster-Haus ähnelt einem Trauersalon, wie in einem Bond-Film der 80er, bis zu den grabsteinförmigen Fenstern (Bühne: Daniel Roskamp). Die Schwestern Brewster sehen aus wie eine Mischung aus Addams Family und Mary Poppins; Eva Verena Müller (als Abby) und Caroline Hanke (als Martha) quietschen und schmollen, als Mortimer (Christoph Jöde) mit mehr Beweglichkeit als Cleverness in die mörderische Geschichte hineinstolpert, ein wenig, nun ja, abgelenkt von seiner frisch angetrauten Elaine. Bettina Rieder sieht aus und benimmt sich wie Enie van de Meiklokjes mit einem Schuss Dita von Teese.

Die Inszenierung folgt gerade in der ersten, fast zweistündigen Hälfte recht eng dem Film, und das macht sie langweiliger, als sie eigentlich ist. Im zweiten Teil vor allem hat sich das Regieduo davon befreit, und das Ergebnis ist eine äußerst lustige knappe Stunde. Jordan/Koppelmann machen sich über die filmische Tradition lustig und führen eigene Zitate ein (Star Wars, Herr der Ringe, Star Trek, Die Waltons). Etwas Zeitgeschichte darf auch sein, immerhin hatte das Stück 1941 Uraufführung, kurz bevor die USA nach heftigen Kontroversen in den Zweiten Weltkrieg eingriffen. In Dortmund sieht Jonathan Brewster (Andreas Beck) konsequenterweise nicht aus wie Frankenstein, sondern wie „dieser Deutsche – pardon, Österreicher“.

Sein Spießgeselle Dr. Einstein hat die Beulenpest auf dem Schädel. Julia Schubert ist zwei Tage vor der Premiere für einen erkrankten Kollegen eingesprungen und macht ihre Sache in der Doppelrolle Einstein/Pastor Harper ganz großartig. Es gibt da eine sehr lustige Szene, die etwas mit Zähnen und der Reise nach Panama zu tun hat. Zur Erinnerung: „Panama“ ist der Keller des Brewster-Hauses, in dem mehr als eine Leiche vergraben liegt. Dass der irre Brewster-Bruder Teddy mit dem Steigerlied auf den Lippen hinabsteigt, muss man unter Lokalkolorit verbuchen, dass er unten das Zwergenlied „Heiho“ aus Schneewittchen singt, ist ein weiterer von Jordan/Koppelmanns skurrilen Scherzen. Die Gesänge, wenn Teddy seine Treppe hinaufstürmt, werden immer obszöner, die Witze, die Kesselring über Theaterkritiker machte, kommen immer knalliger daher, und Christoph Jöde grimmassiert und turnt als Mortimer über die Szene, bis sein schmeißfliegenblauer Polyesteranzug durchgeschwitzt ist.

12., 18., 20., 26. Januar; Tel. 0231/5027222; http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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