Aron Stiehl inszeniert „Benvenuto Cellini“ in Münster

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Bohème in der Wohnküche: Szene aus „Benvenuto Cellini“ in Münster mit Adrian Xhema und Sara Daldoss Rossi.

Von Anke Schwarze MÜNSTER - „Regietheater – Nein, danke!“ Unübersehbar prangen die Worte an der Wand einer heruntergekommenen Taverne. Sie dient Benvenuto Cellini und seinen Kumpeln als Treff, wie das Graffito dem Regisseur Aron Stiehl als Leitsatz. Am Theater Münster entfesselt er „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz als opulente Opera Buffa. Bühnendekor und Kostüme (Simon Holdsworth) sind aufwändig und von explosiver Farbwirkung. Die Musik trägt den satten, romantischen Farbklang von Berlioz dick auf. Nur leiden unter der pastosen Schicht stellenweise die Details.

Es fängt gut an, dank erfrischendem Slapstick im ersten Akt. Stiehl siedelt die Handlung irgendwo in der Moderne an. Der päpstliche Schatzmeister Balducci (Plamen Hidjov) ist allerdings in der Zeit stehen geblieben und lebt in einer 50er-Jahre-Wohnung: schmutzig-braune D-C-Fix-Möbel, piefige Schmuckkacheln in der Küche und pink-psychedelische Tapeten im Jungmädchen-Zimmer seiner Tochter. Hinter Türen, Fenstern, Schranktüren vergnügen sich Liebhaber, Nebenbuhler und Geliebte beim klassischen Versteckspiel.

Adrian Xhema (Cellini), Juan Fernando Gutiérrez (Fieramosca) und Sara Daldoss Rossi (Teresa) haben Spaß an der Sache. Xhema kultiviert eine Künstlermähne, balzt und schnurrt und leidet mit Gefühl. Rossi gefällt sich als schmollendes Barbie-Pin-Up unter einer blonden Lockenmähne und Gutiérrez ist seine Rolle ohnehin auf den Leib geschrieben. Sein öliger Gigolo, Cellinis Konkurrent in Sachen Liebe und Kunst, wirkt wie der erfolglose Kater aus „Tom und Jerry“. Dem liebestrunkenen Cellini steckt er brennende Dynamitstangen in die Hand, wird selbst zum Opfer seiner Falle und greift darauf zur überdimensionierten Axt. Andere Gags sind feiner gezeichnet. Etwa, wenn Teresa spitze Koloraturen ausstößt, während sie sich rhythmisch ein Wachspflaster zum Enthaaren vom Bein rupft.

Das Orchester unter der Leitung von Stefan Veselka begleitet stimmig, obwohl die Ouvertüre etwas schleppend anläuft. Es fehlt etwas vom Glanz und der filigranen Charakterisierung, die man vom Sinfonieorchester Münster gewohnt ist. Trotzdem kontrastieren zarte Solo-Partien mit einem wuchtigen Forte, das aber menschlich bleibt.

Doch dann läuft die Dynamik im chorlastigen zweiten Akt aus dem Ruder. Schon in der Taverne muss sich der eloquente und selbstbewusste Mezzosopran von Lisa Wedekind gegen den Männerchor stemmen. Bis hin zum Finale im zweiten Akt putschen sich Orchester, Opernchor und Extrachor des Theater gegenseitig hoch. Von Berlioz ohnehin überladen angelegt, klingt dieses Finale in Münster einfach nur – ohrenbetäubend. Während der Stück-im-Stück-Szene tanzt und schaukelt das Chor-Publikum auf den Rängen, singt aus voller Kehle und stiehlt beinahe der aufgeführten Wagner-Parodie die Schau.

Musikalisch bietet der dritte Akt ein paar angenehm ruhige Momente. Lisa Wedekind, in der Hosenrolle von Cellinis Lehrling Ascanio, singt „Mais qu’ai-je donc“ vorwitzig-melancholisch. Adrian Xhema beweist, dass lyrische Arien seine Stärke sind und sorgt mit „Sur les monts les plus sauvages“ für den stimmlichen Höhepunkt. Da ist viel Wärme und Schönläufigkeit im Klang. Sara Daldoss Rossi glänzt zwar in den hohen Lagen, neigt aber dazu, mit ihrem stählernen Sopran die Umgebung zu übertönen. Gutiérrez’ Gesang bleibt aus unerfindlichen Gründen hinter seinem schweißtreibenden Gehabe und seinen sonstigen Möglichkeiten zurück.

21.,28.2.; 2., 6.,8.3.; 13.,22.4.; 4.6.; Tel. 0251/ 59 09 100

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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