ARD-Tatort aus Münster: „Herrenabend“

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Boerne (Jan Josef Liefers) muss sich einen Kunstfehler attestieren lassen. Im Hintergrund feixen Thiel (Axel Prahl) und Alberich (Christine Urspruch). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ In seinem Büro im modernen Glaspalast protzt der Agrarunternehmer Hans Lüdinghaus wirklich mit goldenen Kartoffeln. Aber er selber hält lieber in seiner Stammkneipe Hof – einem Nobellokal am Münsteraner Prinzipalmarkt.

Da sitzt er schon mal morgens mit seiner Studienfreundin, der Staatsanwältin Klemm, und plaudert bei einem vorzüglichen Carpaccio. Es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet nach einem rauschenden und alkoholreichen Fest beim „Kartoffelkaiser“ dessen Geschäftsfreund ermordet wurde. So ermittelt Kommissar Thiel (Axel Prahl) mit besonderer Freude in den besseren Kreisen. Als er Lüdinghaus im Lokal aufsucht, kommentiert er den roten Teppich: „Das wär doch nicht nötig gewesen!“ Die Staatsanwältin wirft ihm einen „kleinbürgerlichen Robin-Hood-Reflex“ vor und pfeift ihn zurück.

„Herrenabend“ ist der 19. „Tatort“-Krimi aus Münster, aber die fröhliche Rivalität zwischen Thiel und dem arroganten Rechtsmediziner Prof. Boerne (Jan Josef Liefers) hat sich kein bisschen abgenutzt. Diesmal hat der Kommissar stets die Nase vorn, was auch daran liegt, dass die attraktive Steuerprüferin Leonie Krassnik (Ulrike Tscharre) Boerne heimsucht. Nicht nur deshalb findet sie gleich Thiels Wohlgefallen.

Aber Boerne wird noch schwerer getroffen: Ihm ist offensichtlich ein Kunstfehler unterlaufen. Er hat den Staatssekretär Klarbach für tot erklärt. Dessen Fingerabdrücke aber finden sich am Tatort. Das alles beeinträchtigt nicht wirklich das Ego des Mediziners, auch wenn er ab und zu auffällig diskret mit einem Blechkoffer hantiert, dessen Inhalt ein weiteres Geheimnis darstellt.

Regisseur Matthias Tiefenbacher und Autor Magnus Vattrodt halten geschickt die Balance zwischen den hinreißend komischen Machtkämpfen der beiden Ermittler und einem ernsthaften Kriminalfall. Denn es geht um Subventionsbetrug in großem, internationalen Maßstab, der bis ins ferne Osteuropa führt. Dahin ist Thiels kiffender Vater (Claus-Dieter Clausnitzer) unterwegs, der sein Taxi zum Hilfstransporter umdeklarierte und seinen Sohn von den Grenzen per Skype um Hilfe anfleht. Das wiederum trifft Thiel. Dem armen Moldawien soll ausgerechnet seine warme Winterkleidung helfen. Wieder einmal ist der Münster-„Tatort“ antizyklisch und wartet mit romantischen Bildern aus dem verschneiten Westfalen auf und von einem frierenden Kommissar, der sich in die Hände pustet. Am Ende trägt Papa Thiel sogar zur Lösung des Falls bei.

Zwar werden die komischen Konflikte der Helden lustvoll verfolgt. Aber der Film erzählt auch eine Familientragödie. Klarbachs Frau (Victoria Trauttmansdorff) ist dem Alkohol verfallen. Mit der rebellischen Tochter fand sie Zuflucht bei ihrem Vater (Lambert Hamel), dessen gläserne Prunkvilla ein kaltes Heim ist, ein Menschenbecken, in dem das Aquarium mit den Kois dem alten Mann am meisten am Herzen zu liegen scheint. So viel Durchsichten, so wenig Wahrheit. Der maskiert durch Münster streifende Klarbach (Stephan Schad) beobachtet seine Familie mit Webcams aus dem Vogelhäuschen. Ihn und die Seinen machte das Verbrechen nicht glücklich.

Nicht zuletzt handelt der Film auch von der Korrumpierbarkeit. Der Kartoffelkaiser, wunderbar jovial und hintergründig gefährlich gemimt von Michael Wittenborn, fragt Thiel schon mal nach Wünschen, die mit seinem Einkommen unerfüllbar seien. Und er unterstreicht gegenüber seiner Freundin Klemm, dass er ein „herzensguter Kapitalist“ sei und den Scheck für ihre Stiftung zugunsten straffälliger Jugendlicher gern noch um eine Null höher ausstelle.

Dieser „Tatort“ macht ein großbürgerliches Milieu zum Thema, in dem jeder jeden kennt, in dem man sich gleichsam wöchentlich zum Umtrunk trifft, in dem einer wie Thiel stets Außenseiter bleibt. Wer fragt noch, wie realistisch das ist, wenn daraus eine so herrlich gemeine Geschichte entsteht?

so, ARD, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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