Archäologische Schau „Das weiße Gold der Kelten“ in Herne

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Bestens erhalten durch das Salz: Der Tragsack aus dem 13. Jahrhundert vor Christus ist in Herne zu sehen.

Von Ralf Stiftel HERNE - Man sieht dem Tragsack sein Alter nicht an: Im 13. Jahrhundert vor Christus schleppten Bergarbeiterinnen darin Salzbrocken aus dem Bergwerk Hallstatt ans Tageslicht. In der Glasvitrine im Landesmuseum für Archäologie in Herne ist keine moderne Kopie zu sehen, sondern ein Original. Das Salz hat die Konstruktion aus Holz und Rinderleder, die sonst ganz schnell verrotten, über mehr als 3000 Jahre bestens erhalten.

Die Ausstellung „Das weiße Gold der Kelten – Schätze aus dem Salz“ bietet einzigartige Stücke aus einer Epoche vor der Schriftkultur. Im oberösterreichischen Hallstatt wird schon seit 7000 Jahren, seit der Jungsteinzeit, Bergbau betrieben. Salz gehörte zu den ersten Dingen, die der Mensch wertschätzte. Es diente dazu, Nahrung zu konservieren, als Pökelfleisch und Käse. In der Bronzezeit hatten die Bergleute regelrechte Abbauhallen in den Berg getrieben, bis zu 200 Meter lang. Zeugnisse davon blieben im Salz erhalten – und wurden schon im 19. Jahrhundert von den Nachfolgern der alten Salzförderer gefunden. Inzwischen ist der Komplex um Hallstatt, vor allem ein großes Gräberfeld, Weltkulturerbe der Unesco. Eine ganze Epoche wurde nach den Bergleuten benannt: Hallstatt-Zeit.

Das Naturhistorische Museum in Wien hat die opulente Schau konzipiert, die mit rund 250 Exponaten, Kopien zum Anfassen und Videoanimationen Geschichte sehr lebendig macht. Das Museum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe ist die erste Station in Deutschland. Das Salz machte die Bewohner der Region überaus reich. Sie trieben einen – für damalige Zeiten – weltweiten Handel. Davon zeugen Grabbeigaben, zu denen afrikanisches Elfenbein ebenso gehörte wie Bernstein von der Ostsee und Glas aus Italien. Ausgestellt sind auch goldene Gürtelbeschläge und Bronzeobjekte wie ein Schöpfgefäß mit Kuh und Kälbchen aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. Keltisch freilich sind solche Schätze nicht. Die keltische Kultur, so erläutert Anton Kern, Direktor der Prähistorischen Abteilung am Wiener Museum, bildete sich im 5. vorchristlichen Jahrhundert im heutigen Süddeutschland, der Schweiz und Ostfrankreich. Hallstatt ist älter und sensationeller. Die Kelten aber sind bekannter. Darum kamen sie in den Ausstellungstitel. Ganz falsch ist das nicht, denn später nahmen auch die Bewohner von Hallstatt die keltische Kultur an.

Technisch waren die damaligen Bergleute Meister. Davon zeugt unter anderem eine Stiegenkonstruktion, deren Holzbohlen in den Jahren 1344 und 1343 v. Chr. geschlagen wurden, wie mit Dendrochronologie ermittelt wurde. Auch das Holz wurde vom Salz bewahrt. Die Stiege führte sicher durch die mit Unrat und Abraum gefüllten Schächte, eine reine Holzkonstruktion, bei der Schritthöhe und Neigung verstellt werden konnten. Ein moderner Nachbau verdeutlicht die ausgefeilte Technik.

Von Marketing verstanden die Hallstatt-Salzhändler auch schon etwas. Auch das haben die Archäologen her-ausgefunden. Im 6. Jh. v. Chr. förderte man auch in Dürrnberg Salz, nur 44 Kilometer entfernt. Die Hallstätter kamen nun offenbar auf eine besondere Idee, um ihren Markt zu erhalten: Sie brachen das Salz in massiven Blöcken in Herzform aus dem Berg. Ein Markenzeichen, das sofort kenntlich machte, dies war Qualitätsware aus Hallstatt. Andere Bergwerke lieferten kleine Brocken, sogenanntes Hauklein, und da konnte man schlechte Qualität untermischen. Ein Foto zeigt eine Fundstelle, an der solche Herzen gebrochen wurden, die Hälfte eines solchen Blocks ist ausgestellt.

Die spektakulärsten Funde machen optisch eher wenig her. Menschlicher Kot gehört dazu. In einigen Kabinetten der Schau ist ein Raucharoma zu riechen. Die wirkliche Atmosphäre bleibt dem Besucher erspart. Das Leben spielte sich untertage ab, man arbeitete, schlief, kochte, aß und kackte dort. Die Männer hauten, die Frauen schleppten, die Kinder halfen. Die Exkremente verraten heutigen Forschern, was die Bergleute aßen. Nicht unbedingt Feinkost, aber nahrhaft, verrät das Rezept für „Ritschert“ aus Saubohnen, Gerste, Hirse und Schweine- oder Schafsfüßen. Ein Kochtopf und ein großer Holzlöffel mit Breiresten sind ausgestellt, ebenso eine Spanschachtel, die vermutlich Käse enthielt, in der ovalen Form fast wie ein Briekäse aus der Kühltheke. Zu sehen ist auch, was die Menschen quälte: Sie litten an Würmern, was zu Durchfall führte. Aber man wusste ein Mittel auch für Notfälle: Die großen, fleischigen Blätter der Pestwurz zum Abwischen, mit desinfizierender Wirkung. Einige dieser Lappen blieben im Salz erhalten.

Es ist eine Stärke der Ausstellung, dass sie selbst unansehnliche Objekte mit dezentem Medieneinsatz zum Sprechen bringt. Da hat man das Ritschert-Rezept. Und der Originalfetzen grünen Stoffs mit Karomuster liegt auf einer modernen Kopie und sieht so gar nicht nach Bronzezeit aus. In einer Kabine posieren in einem Video schöne Models im Hallstatt-Look.

Salz wird noch heute in Hallstatt abgebaut. Dort liegt der älteste Industriebetrieb der Menschheit. Auch wenn mehrmals Schlammlawinen die Schächte fluteten. Man kam stets zurück. Das weiße Gold lockte zu sehr.

Das weiße Gold der Kelten – Schätze aus dem Salz im LWL-Landesmuseum für Archäologie, Herne. 23.8.–25.1.2015, di – fr 9 – 17, do bis 19, sa, so 11 – 18 Uhr, Tel. 02323 / 946 280, www.keltenausstellung.lwl.org, Begleitbuch 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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