Archäologen finden Burg Nienbrügge

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Unter dem Acker kommt eine Burg zum Vorschein: Günter Wiesendahl und Eva Cichy von der LWL-Archäologie zeigen Keramikscherben und einen Steigbügel, die bei der Ausgrabung der Burg Nienbrügge in Hamm zum Vorschein kamen. ▪

Von Jörn Funke ▪ HAMM–Gegen Ende des Jahres 1225 herrschte Aufruhr an Ruhr und Lippe. Der Kölner Erzbischof Engelbert von Berg war einem Anschlag zum Opfer gefallen, der Attentäter Graf Friedrich von Isenberg befand sich auf der Flucht. Die Güter des Adeligen wurden eingezogen, die Mauern geschleift. Nienbrügge, eine Burg an der Lippe, verschwand so aus der Geschichte.

Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) kamen der verschwundenen Festung im vergangenen Jahr auf die Spur und legten jetzt einen Teil der Fundamente frei. Fast den gesamten November über hat ein Team unweit der Hammer Innenstadt gegraben. Sie fanden Reste einer Anlage, die von Historikern als bedeutend für die hochmittelalterliche Landesgeschichte eingestuft wird.

Viel bekannt war über Nienbrügge bisher nicht: Eine Burg am Nordufer der Lippe, eine Ansiedlung am Südufer, verbunden durch eine „Neue Brücke“, um 1190 von den Grafen von Altena angelegt, 1225 von Verbündenten der Kölner Erzbischöfe zerstört. Die Bewohner zogen ein paar hundert Meter flussaufwärts und gründeten das heutige Hamm.

Bei der Ausgrabung sind jetzt eine Bruchsteinmauer, ein ordentlich verlegter Steinfußboden und jede Menge Scherben zum Vorschein gekommen. Es handele sich offenbar um ein Nebengebäude, sagt die Archäologin Dr. Eva Cichy. Vier mal sieben Meter Grundfläche, vermutlich mit Fachwerkaufbau, vielleicht zwei Stockwerke hoch.

Es sei eine gehobene Behausung gewesen, sagt die Archäologin. Ein Steigbügel und ein Hufeisen, die bei der Ausgrabung zum Vorschein kamen, ließen auf die Anwesenheit von Reitern schließen, zur damaligen Zeit ein Privileg des Adels. Gefundenes Blei können aus Fensterverglasungen stammen. Bauernhöfe hatten so etwas nicht. Kistenweise Funde haben die Archäologen eingepackt; größtenteils örtliche Kugeltopfkeramik des 12. Jahrhunderts, aber auch Importware aus dem Rheinland.

Metallgegenstände waren mit einer Brandpatina überzogen; Zeichen für eine Feuerkatastrophe. Tatsächlich liegt Nienbrügges historische Bedeutung vor allem in seiner Zerstörung. Die Burg ist Zeugnis einer Auseinandersetzung zwischen dem rheinischen und westfälischen Adel auf der einen und den Kölner Erzbischöfen auf der anderen Seite, deren Ausgang das Land bis heute prägt.

Die Kölner Erzbischöfe versuchten im 12. und 13. Jahrhundert eine Zentralmacht in Westdeutschland aufzubauen, eine Art frühes Nordrhein-Westfalen. Sie gerieten dabei schnell mit dem regionalen Adel aneinander, der seinerseits Einfluss und Einkünfte ausdehnen wollte.

Erzbischof Engelbert von Berg (1186–1225) galt den Grafen dabei als eine Art „rotes Tuch“. Ein Streit um die Verwaltung des Stiftes Essen zwischen Engelbert und Graf Friedrich von Isenberg (1193–1226) eskalierte so weit, dass Friedrich einen Anschlag auf den Erzbischof plante.

Der Geistliche sollte offenbar nur entführt werden. Die Aktion am 7. November 1225 bei Gevelsberg missglückte jedoch; Engelbert wurde brutal erschlagen. Das Attentat empörte das ganze Land, Friedrich wurde gejagt, festgenommen und ebenso brutal in Köln hingerichtet, seine Burgen Nienbrügge und Isenburg (bei Hattingen) geschleift.

Während Friedrich seinen Aufstand mit dem Leben bezahlte, setzte er sich politisch letztlich durch. Den Erzbischöfen gelang es nach Engelbert nicht, ihre weltliche Macht weiter auszubauen. In der Schlacht von Worringen 1288 (bei Köln) unterlagen sie sogar einen Heer aus Adeligen und Städtern. Der Westen blieb politisch für Jahrhunderte zersplittert.

Der LWL hatten den Ereignissen im vergangenen Jahr die Großausstellung „Aufruhr 1225“ im Herner Archäologiemuseum gewidmet. Die Archäologen haben ihre Gräben in Nienbrügge einstweilen zugeschüttet. In den kommenden Jahren wollen sie dort aber weitere Teile freilegen und noch viel über das Jahr 1225 erfahren.

Quelle: wa.de

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