Anthony Burgess’ Roman „Clockwork Orange“ in einer neuen Übersetzung von Ulrich Blumenbach

Von Ralf Stiftel Man versteht nicht so leicht, was Alex meint, wenn er über sich und seine Droogs erzählt: „Wir hatten die Taschen voll Deng, also war es von wegen noch mehr Penunzia krasten nicht nötig, einen alten Weck in einer Gasse zu tolschocken und dann zu viddieren, wie er in seinem Blut schwamm, während wir die Einnahmen zählten und durch vier teilten...“ Das gehört zu einem Gruppenslang wie dem Nasdat. Nur die Eingeweihten sollen wissen, was gemeint ist.

Alex wiederum gehört zu den Gestalten der modernen Weltliteratur, berühmt spätestens, seit Stanley Kubrick das Buch 1971 verfilmt hat. Erfunden hat diesen finsteren jungen Helden der britische Autor Anthony Burgess (1917–1993), erschienen ist der Roman im Original 1962. Eine visionäre Erzählung, damals gab es noch nicht Scharen von Hooligans, die Fußballstadien oder Stadtviertel in Ruinen verwandeln konnten. Damals war die Jugend noch kein Fall für Sondereinsatzkommandos.

Und Burgess, ein auf eigenwillige Art gläubiger Katholik, hat ein tief moralisches Buch geschrieben. Alex kommt eben nicht ungeschoren davon mit seinen Bandenaktivitäten, mit all dem Rauben, Prügeln, Vergewaltigen. Er wird geschnappt und einer brutalen Gehirnwäsche unterzogen, die aus dem gewissenlosen Täter ein wehrloses Opfer macht. Burgess zielt in seinem Roman auf beide Seiten, und sein Held hat am Ende durchaus einige Sympathien beim Leser. Zumal er neben vielen schlechten Eigenschaften, darunter dem Hang zu mit Drogen versetzter Milch, zumindest einen guten Geschmack hat, was Musik anbelangt: Er hört leidenschaftlich gern Klassik wie Mozart oder den alten Ludwig van.

Der Roman lag schon länger auf deutsch vor, aber nun gibt es ihn in einer Neuübersetzung von Ulrich Blumenbach. Spätestens seit der den gewaltigen Roman „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace übertragen hat, gehört er zu den Stars der Übersetzerszene. Und er hat hier einen hervorragenden Job gemacht. „Clockwork Orange“ stellt Eindeutscher vor beträchtliche Herausforderungen, gerade auch wegen der künstlichen Jugendsprache Nadsat, für die Burgess viele russische Vokabeln anglisiert hatte. Kopf wird zu „Gulliver“, schlagen heißt „tolschocken“, und gut, russisch choroscho, wird zu „horrorshow“. Einer von Blumenbachs Vorgängern hat Alex’ Droog (Kumpel) Dim den Namen „Doofie“ verpasst, das zeigt, wie leicht man auf diesem Feld ausrutschen kann. Dim, das dem deutschen Leser vom Dimmen der Beleuchtung nicht unvertraut sein mag, sagt in seinem Namen, dass er keine große Leuchte ist. Aber so platt muss man ihm das nicht anheften. Blumenbach findet einen flüssigen Erzählstil, schon beim ersten Satz trifft er den Ton der Jugend: „Was läuft denn jetzt, ey?“ Und auch sonst vermittelt er dem deutschen Leser den großen Reichtum an Tonfällen, über die der Erzähler verfügt, vom hohen Bibelton über unterwürfige Anpasserei bis zu eben dem kruden Jargon.

Wir haben hier auch die ungekürzte Ausgabe. Burgess hat ein letztes Kapitel geschrieben, in dem sich Alex als geläuterter Bürger zeigt. Das wurde seinerzeit für die US-Ausgabe weggelassen. Hier hat man nun das alternative Ende.

Hilfreich ist auch der umfangreiche Apparat, mit dem diese Ausgabe versehen wurde. Neben einem Wörterbuch für Nadsat gehören dazu eine Reihe von Texten, in denen sich Burgess über sein Buch geäußert hat. Außerdem gibt es je ein Nachwort des englischen Herausgebers Andrew Biswell sowie des Übersetzers. Und so darf man sich freuen über die vorbildliche Edition eines Klassikers, der sich ungewöhnlich frisch gehalten hat.

Anthony Burgess: Clockwork Orange. Deutsch von Ulrich Blumenbach. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart. 346 S., 21,95 Euro

Quelle: wa.de

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