Ansgar Haag inszeniert Verdis „Nabucco“ in Münster

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Mit Uniformen und Waffen: Szene aus „Nabucco“ im Großen Haus in Münster.

Von Edda Breski ▪ MÜNSTER–Es wäre so einfach, aus Verdis „Nabucco” ein Regiestück zum Mittleren Osten zu machen, eine Parabel auf Religionskonflikte, Krieg und Söldner, die dahin gehen, wo gerade der Vorteil wartet.

Aber Ansgar Haag verzichtet in seiner Münsteraner Inszenierung auf aktuelle Deutungen und vor allem auf Zuspitzungen. Er begnügt sich mit Andeutungen und behandelt die Oper als die zugkräftige Massen-Show, die sie ist. Von der Kriegsgeschichte bleiben nur die Söldner übrig. Im Großen Haus in Münster hat man mit dem „Nabucco” wieder einmal ein Schlachtross der Opernliteratur ins Programm gehievt, eines, das gerade in diesem Jahr, dem 150. Jahr der Einheit des modernen Staates Italien, gut gewählt ist: Es enthält mit dem Gefangenenchor „Va pensiero” die Hymne des Risorgimento, der gesamtitalienischen Freiheitsbewegung.

Um dieser Zugkraft gerecht zu werden, wurde der Münsteraner Opernchor durch den Extrachor verstärkt, und so ist der Star des Abends entstanden. Klanggewaltig und differenziert heben die Sängerinnen und Sänger (Leitung: Donka Miteva) die dramatischen Schätze des „Nabucco“. Konsequent erntete das Vokalensemble am Premierenabend den stärksten Applaus. Vokalen Glanz bietet außerdem die stimmgewaltige Claudia Iten als Abigaille. Sie wurde als Gast engagiert und teilt sich die Rolle mit Inga Balabanova. Iten lotet die dramatischen Brüche der Rolle mit Lust aus, steigert ihre Wutausbrüche bis zu annähernd veristischen Explosionen, die ihr häufig scharf geraten. Ihr gelingen aber, dank großer Gestaltungskraft, auch die innigen Momente.

Mit ihrem dunkel timbrierten Mezzosopran erfüllt Kinga Dobay, ebenfalls ein Gast, die Rolle der Fenena mit Wohllaut. Als Ismaele hat Haustenor Andrea Shin einen seiner stärkeren Auftritte. Matteo Suk in der Titelrolle, den man sich schwärzer, größenwahnsinniger gewünscht hätte, steigert sich zu einer intensiven Darstellung eines Menschen, der seine Orientierung verliert und sie in Glauben und Liebe wiederfindet. Im Orchestergraben sorgen die Münsteraner Sinfoniker unter Hendrik Vestmann für einen effektreichen, insgesamt wenig flexiblen Sound ohne große Überraschungen.

Der Sog, den die Zugpferde entwickeln, trägt weitgehend die Oper. Ansgar Haag hat die Handlung in eine Hotellobby irgendwo im Mittleren Osten verlegt (Bühne: Bernd Dieter Müller). Der Gedanke an die zerschossenen Hotels in Bagdad während des dritten Golfkrieges liegt nahe. Die gefangenen Juden müssen das Hotel renovieren und pinseln verstohlen, während Zaccaria (nobel und beredt, wenn auch volumenschwach: Plamen Hidjov) Menoras und die Torarolle vor den Söldnern versteckt. Die tragen Barette und Tarnanzüge wie Soldaten der Operation Iraqi Freedom und seilen sich von der Decke ab wie ein Spezialkommando. Doch wer jetzt auf eine Zuspitzung in Richtung Irak oder Israelkonflikt wartet, wird angenehm enttäuscht. Haag vermeidet direkte Deutungen der geopolitischen Lage und geht den damit einhergehenden Klischees aus dem Weg. Stattdessen schafft er Raum für ergreifende Momente, etwa die Bekehrung Nabuccos und die wehmütige Erinnerung Abigailles an ihr besseres Ich. Ansonsten stehen die Akteure sehr oft an der Rampe herum. Für Bewegung sorgt der geschickt über die Bühne verteilte Chor, der das berühmte „Va pensiero“ innerlicher und sehnsüchtiger singt, als man das gewöhnlich hört. Dazu verteilt Fenena Ausreisevisa. Die Torarolle brennt symbolträchtig ab, Nabuccos Bild stürzt von der Wand: griffige Bilder. Für die Bekehrung Nabuccos und Abigailles findet Haag keine zwingende Deutung. Dabei wäre gerade das eine hochmoderne Frage: die nach der Religion und der persönlichen Auseinandersetzung mit einem Glauben, der auch Vehikel für Macht- und Gewaltausübung ist. So bleibt die Oper, was sie ist: ein Historienspektakel, neu verputzt.

4.,12.,14., 18.,22.5.,

Tel: 02 51/ 59 09 100,

http://www.stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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