Anselm Weber inszeniert Fallada in Bochum

+
Daraus wird keine wahre Liebe: Szene mit Felix Rech und Sarah Grunert aus „Ein Mann will nach oben“ in Bochum.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Karl steht verloren im Treiben: Paare flanieren, Dienstboten wuseln zwischen ihnen, die Drehbühne rotiert, auf der Gaze sieht man wacklige Straßenszenen aus dem alten Berlin. So kann man Großstadt zeigen: abstrahiert. Als ein frecher Bursche Karl die Geldbörse entreißt, hilft ihm die patente Rieke, die dem Dieb ein Beinchen stellt. Der Beginn einer Freundschaft, und der Beginn einer Eroberung. Karl will Berlin erobern.

Vielen Bühnen genügen die vorhandenen Dramen nicht. Da bringt man eben Filme oder Romane auf die Bühne. Wie nun das Schauspielhaus Bochum, wo Intendant Anselm Weber Hans Falladas „Ein Mann will nach oben“ dramatisiert (Textfassung Weber und Sabine Reich). 1977 gab es das als 13-teilige Fernsehserie mit Mathieu Carrière als Karl Siebrecht. Weber erzählt die Geschichte in etwas mehr als drei Stunden, mit manchen Auslassungen, aber stimmig und spannend. Es ist eine aufwendige Produktion mit 13 Schauspielern, sechs Tänzerinnen, zwei Musikern und Statisten.

Gespielt wird episches Theater, ein Wechselspiel zwischen distanzierendem Vortrag und gespielten Szenen. In Bochum gibt es Erzählerfiguren wie Anke Zillich als Zeitungsfrau und Andreas Grothgar als Mann mit der Menütafel. Aber auch Felix Rech als Karl und Sarah Grunert als Rieke sprechen nicht nur Dialoge, sondern berichten auch, was sie tun. Das fordert von ihnen Rollenwechsel von Satz zu Satz, und sie lösen das souverän.

In zwei Kapiteln wird die Karriere eines Aufsteigers nachgezeichnet. Karl kommt nach dem Tod der Eltern mittellos nach Berlin des Kaiserreichs. Er trifft die richtigen Leute, angefangen bei dem Schulmädchen Rieke. Nach einigen Hindernissen wird er zum erfolgreichen Unternehmer, der Gepäck zwischen den Bahnhöfen transportiert. Doch dann kommt 1914, der Krieg bricht aus. 1919 setzt die Erzählung wieder ein. Karl kommt aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Aus dem Überschwang der Wiedersehensfreude folgt die Hochzeit mit Rieke. Der ehrgeizige Karl kommt voran, baut eine neue Firma auf. Aber die Ehe zerbricht – und manche Freundschaft.

Was ist Erfolg wert? Auf der Bühne formuliert Bodo von Senden, der onkelhafte Freund, den Karl findet, die Frage: „Was wirst du tun, wenn du Berlin erobert hast?“ Am Ende stehen Einsamkeit und Überdruss. Das Bochumer Schauspiel aber zieht Linien aus seinem Detroit-Projekt in das Stück, das nicht von ungefähr in der Aufbruchsphase des Automobils spielt, als Ford in Detroit das erste Fließband einführte. Der Roman schildert eine ähnliche Umbruchszeit, wie sie Bochum nach der Schließung des Opelwerks gerade erlebt. Da muss die Regie nicht viel aktualisieren, dem Publikum erschließen sich die Parallelen von allein.

Schon einmal lieferte Fallada die Vorlage für einen großen Theaterabend, für Peter Zadeks Revue „Kleiner Mann, was nun“, 1972 im Bochumer Schauspielhaus. Daran soll Webers Inszenierung erinnern, unter anderem mit Liedern vor allem aus der Weimarer Zeit von Friedrich Hollaender und anderen. Mitreißend singt Anke Zillich „Wir wollen alle wieder Kinder sein“ mit sechs Tänzerinnen im knappen Kostüm mit Stahlhelmen. „Ein Mann will nach oben“ wird getragen von Ambivalenzen, die das Stück glaubwürdig machen. Einerseits ist da ein Optimismus, der die Handlung vorantreibt. Andererseits steht da eine Grundmelancholie, ein menschliches Scheitern. Und man sieht vorzügliche Schauspieler, allen voran Felix Rech, der dem Karl all die Grauwerte von Ehrgeiz, Mut, Unzuverlässigkeit mitgibt. Aber auch Sarah Grunert, die Rieke von der Göre zur verbitterten reifen Frau entwickelt, Therese Dörr als geerdete Unternehmerstochter und Matthias Redlhammer als herzensguter Zyniker von Senden überzeugen. Lang anhaltender Jubel.

11., 20.6., 6.7.,

Tel.0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare