Anna Vinnitskaya gastiert im Konzerthaus Dortmund

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Jung, wild und romantisch: Anna Vinnitskaya ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Jung, sympathisch, gutaussehend: die passende Kombination für eine junge Klassikkünstlerin. Anna Vinnitskaya hat aber noch mehr aufzuweisen: von den 90er Jahren bis 2007 gewann sie eine ganze Reihe hochrenommierter Preise, zum krönenden Abschluss siegte die Schülerin von Evgeny Koroliov beim Concours Reine Elisabeth in Brüssel und holte sich damit die höheren Weihen für ihre Karriere. In Dortmund wird die 28-jährige Russin derzeit als „junge Wilde“ präsentiert. Dabei ist sie eigentlich sehr gefestigt als Klavierprofessorin an der Hochschule für Musik in Hamburg.

Im Konzerthaus Dortmund präsentierte sich die Solistin jetzt mit einem Programm, das ihre Stärken wunderbar herausstrich: ihre Zartheit, ihre Fähigkeit zur subtilen Gestaltung, aber auch ihren festen Zugriff, die Wildheit, die sie an den Tasten entfesseln kann.

Brahms‘ zweite Klaviersonate ist so ein Beispiel: Vinnitskayas Zugriff ist zupackend, die mächtigen Akkordsprünge zwischen rechter und linker Hand wirken zwingend und machtvoll. Nie aber, und das ist eine ihrer großen Stärken, verfällt Vinnitskaya ins Donnern, Töne sind bei ihr zuerst Klang, dann Effekt. Sie spannt im Kopfsatz – und auch im Finale – ein weites Panorama auf, dem die Zwischensätze nicht ganz gerecht werden. Hier musiziert sie subtil, letztlich allzu zurückhaltend. Dabei enthüllt sie eine weitere, große Stärke: die der Verdichtung. Melodie und Rhythmus treffen sich zu einem seltsamen Innehalten, fast einem Stolpern, was ihrer Interpretation für Momente eine unheimliche Doppelbödigkeit verleiht. Dennoch bleiben die Binnensätze zu einförmig, auch das Scherzo mit seiner gebrochenen Lustigkeit, auch das Intermezzo, das Vinnitskaya wie einen Trauermarsch spielt. Bei ihren zügigen Tempi bleiben bei aller Virtuosität gelegentlich Töne auf der Strecke.

Impressionistisch klingen Anflüge in Tschaikowskys Zyklus „Die Jahreszeiten“. Das ist vermeintlich leichte Kost, und dieses Vorurteil wird bis in den „Sommer“ hinein von Vinnitskaya nicht wirklich wiederlegt. Die wie Schnee aufstiebenden Phrasen im „Januar“, das zarte Klingeln in den Frühlingsmonaten – das ist alles wunderschön, aber fern, wie sorgsam gerahmte Miniaturen, die man liebevoll ansieht, die den Betrachter aber nicht hineinziehen. Das ungeduldige Pochen des Rhythmus, der Strom, der nicht in Fluss kommt, die ganze unruhige Erwartung im „April“ zeigen zwar, dass mehr darin steckt. Doch Vinnitskaya holt es erst spät heraus: in der Erregung der Jagd im „September“ und im stockend-traurigen Herbstlied.

Quelle: wa.de

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